Der Salon

Salon suggeriert einen Ort, wo man sich zum Kennenlernen und geistigen Austausch in geselliger Atmosphäre trifft – ein Nachklang an die Pariser und Berliner Salons von einst. Die Themen waren der Philosophie und ihren Wissenschaften gewidmet.

Der Salon

Termine

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Vorträge 2017

Referenten

Lernen Sie unsere Referenten kennen und entdecken Sie die Vielfalt unserer Vortragsthemen aus früheren Veranstaltungen. Hier erhalten Sie auch eine kurze Inhaltsbeschreibung zu unseren geplanten Vorträgen, Veranstaltungen und Events.

Unsere Referenten

Optisches Kabinett

Das Optische Kabinett wurde als Lehr-Museum eingerichtet. Erfahren Sie, wie eine optische Täuschung funktioniert oder schauen Sie sich einen rustikalen Fernschreiber aus dem letzten Jahrhundert an. Erleben Sie auch, wie Elektrizität und vieles mehr entsteht.

Zum "Optischen Kabinett"

Dokumentation aller Vorträge (Kurz- oder Langversion), mit Vita und Foto der Referenten. Ergänzt durch relevante Kommentare, Querverbindungen, Fotos.

B Round Table: Diskussion und Interview
Der Philosophische Salon Frankfurt am Main befaßt sich mit einer Fülle von Themen, die auch bei haushälterischer Beschränkung nicht alle als monatliche Präsentationen gebracht werden können. Dafür sind lockere Round Table-Gespräche gedacht. Unsere Physiker und deren Kollegen

C Wir erinnern an...
Historische Persönlichkeiten, die wesentlich etwas bewegt haben, manchmal auch verkannt wurden. Sie sind nicht unbedingt Vorbilder nach konservativen ethischen Standards, aber starke, oft opferwillige Charaktere. Wir greifen jeweils ein Paar heraus: eine Frau und einen Mann, wie beispielsweise Lise Meitner und Teilhard de Chardin oder Evita Peron und Albert Schweizer. Hierzu eine Notiz:

Lise Meitner, sie war Physikerin und Kollegin von Otto Hahn. Warum wurde sie bei der Verleihung des Nobelpreises an Otto Hahn übergangen? Hahn war Chemiker – Lise Meitner schuf die Grundlagen einer Theorie, damit erst einmal verstanden wurde, was Hahn da 1939 Umwälzendes entdeckt hatte: die Kernspaltung. Ja, die beiden paßten und gehörten zusammen – und trotzdem…  An Intelligenz war Lise Meitner ihrer Zeit – als Frau! – voraus. Im fortschrittlichen Preußen (Kaiser Wilhelm II: Frauen – Kinder, Küche, Kirche) durften Frauen um die Jahrhundertwende nicht studieren. So traf sich die (in Wien promovierte) Lise Meitner mit Otto Hahn,  indem sie lieber einen Nebeneingang zu seinem Institut benutzte. Mit österreichischem Paß blieb ihr noch eine Frist bis 1938. Dann verließ sie Deutschland. Von Stockholm aus hielt sie regen Kontakt mit Otto Hahn. Bei einem der traditionellen Treffen der Nobelpreisträger in Lindau nach dem Krieg erschien sie als Besucherin.

Pierre Teilhard de Chardin, den Paläontologen, Naturphilosophen und Metaphysiker. Er gehörte dem   Jesuiten-Orden an. Unter dem Vorwurf, dem Pantheismus zuzuneigen, erhielt der weltberühmte Wissenschaftler von Papst Pius XII lebenslanges Publikationsverbot. Er geriet in Vergessenheit. Nach seinem Tod 1955 wurde er wiederentdeckt und als liberaler Vordenker einer modernen Evolutionslehre gefeiert. Der Vatikan hat ihn bis heute nicht rehabilitiert. Eine seltsame Koinzidenz: Zur gleichen Zeit, als Piere Teilhard von seiner Kirche verstoßen wurde, lancierte Pius XII das – selbst nach katholischen Maßstäben - unfaßbare Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Mariens. Angesehene Theologen, wie Karl Rahner, verrenkten ihre Gliedmaßen zu Klimmzügen, um dem ex catedra aus dem Munde des Papstes ein Fünkchen Wahrheit abzugewinnen. 

D Das Porträt: Wir über uns und andere...
Menschen aus unserem Umkreis, die sich ausgezeichnet haben: Künstler, Literaten, Wissenschaftler etc. Wir greifen als erstens unser Mitglied Klaus Kreuzer heraus aus der Frankfurter Kunstszene.

E Geisteswissenschaften und Kunst
Folgende Beiträge (HDP) liegen druckfertig vor:
1.Spuren des Göttlichen in der Schöpfung. Metaphysische Herausforderung des Konservatismus der katholischen Kirche
2. Die Differenzierung zwischen Wahrheit und Wirklichkeit
3. Klarstellung von Begriffen in der Ontologie

F Naturwissenschaft und Technik
Folgende Beiträge sind in Arbeit (HDP)
1. Aspekte zu Naturwissenschaften und Technik als Bildungsgut
2. Die sanfte Rettung des Planeten Erde (oder: Das Scheitern des Projekts ist gesichert)

G Wir und die anderen: Das soziale Umfeld
Wir wollen uns der Angewandten Philosophie bedienen als Freunde, Nachbarn  - und Gäste im Ausland.  Wir müssen uns stets verständigen, mental wie sprachlich. Wir müssen auf der Hut sein, nicht in Fußangeln zu stolpern. Das wäre in China peinlicher als in den USA. Aber auch in den USA werden wir bald merken, wo die Gräben verlaufen  zwischen einheimischer und zugewanderter Kultur.

Zu Hause ist es das tägliche Brot, das man mit dem Nachbarn teilen muß, und erst recht mit dem Konkurrenten - ja dem mit dem scheelen Blich am Arbeitsplatz – daher unsere rationale Sicht: Der Neid ist ein Regulativ des Fortschritts. Eine positive Perspektive. Wo kämen wir hin, würden alle großartigen Ideen verwirklicht – wie wir es für UNS wünschen, nicht für die anderen. Es wäre eine Welt voll unbezahlter Rechnungen, und wer schützte uns vor dem Proletarierheer der Neidhammel? Und schließlich gräbt die Mißgunst im engsten Familienkreis tiefe Löcher – mit zunehmendem Alter der Oma.

Unsere Aufgabe ist der Entwurf eines säkularen Weltbildes. Das hört  sich hochgeschraubt an, ist aber nur eine Rückbesinnung auf die ethischen Werte unserer abendländisch-christlichen Kultur. Natürlich auch eine Innensicht: wohin plazieren wir uns selbst, wenn wir uns einmal gar nichts vormachen wollen. Aber es geht auch um Islamisten, türkische Immigranten, Serben… Mit den Moslems soll man reden, statt sie zu ver-teufeln – wird gepredigt. Ich glaube, mit Erleichterung würden wir das gerne tun. Ob es da eine Chance gibt, ist indessen fraglich. Ein paar wenige aufgeklärte Moslems machen noch keinen Sommer. Vor allem müssen beide Parteien sich an die Regeln eines rationalen, höflichen Diskurses halten. Bei unverrückbaren Positionen, wird es vielleicht doch ein gutes Gespräch: gegenseitiger Respekt, jedoch keine Feindschaft als Ergebnis. Man muß nicht alles wollen, nur das Mögliche.

H Sprache und Lieteratur
Wir sind dem Zeitgeist unterworfen – das ist zunächst einmal eine neutrale Feststellung.
1. Was nicht deutsche Sprache ist: vier abschreckende Beispiele:
a) Artikel im Stil konventioneller Philosophie (Geschichte-Gesellschaft-Geltung, XXIII Deutscher Kongreß für Philosophie (Münster 2014 /)
b) Werbung für ein soziales Projekt in schwülstigem Medien-Deutsch (Daisy Group: Anke Colditz)
c) Belehrung in (katholischem) Kirchendeutsch (Bischofssynode Reconciliatio et Poenitentia / Karol Woityla)
d) Verteidigung des Dogmas der Himmelfahrt Mariens (

2. Muße, Stille und der Duft von Kaffee… Schreiben im Café. Ein Feuilleton.

3. Werkstattgespräche (Annäherung an die deutsche Schriftkultur)

4. Regeln eines zivilisierten Diskurses

5. Einige Gedanken zur sensuellen Inspiration und Formen der semiotischer Beziehungen

6. Der historische Roman

I Mit spitzer Feder... Satirisches
1. Deutschland braucht eine Nationalhymne. Die erste hoheitliche Maßnahme des neuen Bundespräsidenten (Partei: Die Linke)
2. Mit Herrn von Goethe über Land (Als Goethe schlief, da flüsterte ich ihm meinen Faust ins Ohr)
3. Kein grüner Land in dieser Zeit. Das Schwaben-Ländle soll noch ehemaliger werden.
4. Deutschland – ein Geburtsfehler. Ein Möchtegern-Schweizer klagt.

J Literarischer Salon
aus:    Die Straße der verlorenen Träume / Laura Kanert
           Vor dem Fenster das Meer / Arri Dillinger
           Der Professor / Peter Luyendyk
           Schmerz, andersherum / Silke Migdall
aus:    Das letzte Kind hat ein Fell / Margit Begiebing
aus:    Lord Nelsons Teleskop / J.D.W.

K Abenteuer Globus
1. Vodka Train  / SeidenstraßeSibirien J. Schreiter
2. Durch die Sahara / R. Luber
3. Bagdad-Bahn / J.D.W.

L Spurensuche
Einige unserer Referenten aus der Kulturphilosophischen Szene möchten wir um Beiträge zu Spurensuche bitten.
1 …  / B. Draser (Vorschlag: Cézanne)
2. … / Jörg Sader (Vorschlag: Kafka)
3. … / Matthias Eigelsheimer (Vorschlag: Schiller)
4. … /Dieter Vieweger (Vorschlag: Archäologie heute)

 

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Analytische Studie an dem Roman Stadt am Tiber von John D. Wolfringer
 
(01) Anspruch auf Objektivität. Es wird empfohlen, bekannte historische Romane, die in der römischen Antike spielen, zum Vergleich heranzuziehen, etwa Quo Vadis? Ben Hur; Kampf um Rom, Die letzten Tage von Pompeji. Ein Roman bleibt ein Roman und wird nicht zur Dokumentation, gleich wie erfolgreich sein Autor bei der Objektivierung seiner Geschichte vorgeht. Es geht hier um die ästhetisch-literarische Qualität. Wenn wir uns in einem belletristischen Genre bewegen, gelten dessen Prioritäten. Nichtsdestoweniger ist dem Autor an einer Disziplinierung seiner schöpferischen Phantasie gelegen – die er etwa so artikuliert:

In den wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz, ausgesetzt in einem rätselhaften Universum, werden wir niemals so etwas wie letzte Wahrheit erfahren – sie wäre unanschaulich und unbegreiflich. Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen (unterstützt durch wissenschaftliche Messungen) und zusätzlich als allgemeine Erfahrung unserer Gedankenwelt einverleiben (ontologisch: Interaktion mit den Metaebenen), ist streng nicht objektivierbar. Wir haben es hier mit beliebig vielen Perspektiven zu tun, die einander, je nach Beobachter, noch ähnlich sind, aber nicht mehr identisch. Diese Unschärfe gilt auch für die historische Erinnerung. Innerhalb dieser Möglichkeit statt Gewißheit öffnet sich ein beträchtlicher Freiraum für die Phantasie des Autors, die er jedoch wiederum nach bindenden Regeln einschränkt. Er läßt für die Objektivität drei Kategorien gelten: Evidenz, Plausibilität,  Konformität.

a) Evidenz liegt dann vor, wenn Ereignisse, Umstände, Vorschriften, Orts- und Zeitdaten historisch eindeutig belegbar sind – sei es durch Ausgrabungen und sonstige Funde (z. B. die Peutingerschen Tafeln) oder literarische Zeugnisse.

b) Plausibilität kann dann beansprucht werden, wenn die Umstände es nahelegen, daß ein Vorgang mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit so abgelaufen, oder ein Ereignis so stattgefunden hat – weil es den Gewohnheiten entspricht.

c) Konformität muß durchgehend die Freiheit von Widersprüchen gewährleisten. Das betrifft auch triviale Irrtümer. Der Autor muß sich intim vertraut machen mit geographischen, kulturellen, sozialen Details etc. und stets hinterfragen: gab es das damals schon? Zum Beispiel: Zitrusfrüchte – sie stammen aus China und sind erst für das 10. Jahrhundert im Mittelmeerraum belegt. Im vorliegenden Roman soll über den Splügen-Paß in der Schweiz ein Karrenweg angelegt werden. Zur Zeit der Flavier überquerten nur Träger und Maultiere den Paß. Erst in der Neuzeit wurde der Gebirgspfad befahren.

(02) Die Person des Erzählers. Ein Autor wählt als Erzähler die 3. oder die 1. Person. Die 3. Person schafft abgeklärte, neutrale Distanz, sie suggeriert Authentizität.  Unser Autor möchte jedoch den Leser, sozusagen an der Hand, in das antike Rom mitnehmen, und so schlüpft er in die Rolle des Protagonisten. Er läßt Gnaeus Constantius Rufus seine Geschichte selbst erzählen. Sie beginnt mit der Erstürmung des  Kapitols durch die Vitellier im Dezember 69 und endet mit der Ermordung Kaiser Domitians im Oktober 96 – es ist exakt die Regierungszeit der Flavischen Kaiser.
 
In dem waffenklirrenden Getümmel auf dem Kapitol muß Rufus etwas zugestoßen sein. Aus tiefer Ohnmacht wird er von einem gallischen Kneipenwirt wachgerüttelt und muß feststellen, er hat seine Erinnerung verloren. Er weiß nicht, wer er ist, kennt nicht sein Alter, nicht seine Herkunft, verfügt aber sonst über normale Geisteskräfte – spricht Latein, Griechisch und etwas Gallisch, findet sich in Rom zurecht. Er flieht vom Kapitol, ihm schließt sich ein junger Mann an, am Tiberufer trennen sie sich. Später findet Rufus heraus: Sein Begleiter war der jüngere Kaisersohn Domitian. Diese Begegnung sowie der Verlust seines Gedächtnisses werden zu zwei roten Fäden im Leben des Rufus.

(03) Die Rahmengeschichte. Der Roman ist in eine Rahmengeschichte eingebettet, darin erzählt in Rückblenden Gnaeus Constantius Rufus seine Geschichte – es sind sieben Bände mit den Titeln und Jahreszahlen:
I. Saturnalia (69) – II. Alexandria (70-79) – III. Divus Titus (79-81) – IV. Villa Rustica (81-84) –
V. Domus Domitiana (85-89) – VI. Deus et Imperator (90-96) – Damnatio Memoriae (96).

In diesem letzten Frühjahr 96 geht Rufus zum Kaiser und schlägt ihm vor, die Route über den  Specula-Paß an der Grenze zu Rätien zu einem Karrenweg auszubauen. Jetzt ist es ein Nadelöhr, falls rasch mal Truppen nach Obergermanien verlegt werden müßten. Domitian sieht das ein. Sein strategisches Konzept ist vor allem Ruhe an den Reichsgrenzen. Rufus hat noch andere Gründe, Rom für eine Weile zu verlassen. Sein Todfeind Berytos, ein Immobilienmakler, wird aus der Verbannung an der Donau zurück nach Rom kommen. Er war der vorsätzlichen Brandstiftung überführt worden, Rufus hatte da in ein Wespennest gestochen. Nur knapp war er einem Anschlag des Berytos entgangen. Jetzt hat er keine Chance mehr. Sein Todfeind sinnt auf Rache.  

Rufus spürt, und es ist ein fast körperlicher Schmerz, wie es um ihn herum einsam wird. Der Bruch mit seiner Lebensgefährtin Priscilla ist schwer zu ertragen. Er hat sie betrogen, er fühlt sich schuldig. Sie gehörte dem christlichen Glauben an, litt unter häufigen Schüben von Melancholie. Sie hat Rom verlassen, ist zu ihren Verwandten nach Kilikien zurückgekehrt. Rufus‘ geliebter Patron Quintus Fabius Pulcher ist gestorben, ebenso seine Frau Lucilla  -  Rufus‘ Geliebte in mondhellen Träumen… Sein Nachbar, der Militärarzt Lentulus Corvinus tot, tot auch der Hauptmann Iulius, der ihm durch eine gerichtliche Aussage einen tödlichen  Prozeß erspart hatte. Iulius hatte den christlichen Missionar Saulus Paulus dereinst nach Rom gebracht. Albträume quälen Rufus: Er findet sich in einem Rom Jahrhunderte später wieder, und es ist eine Stadt der Toten, der Ruinen, des trockenen Staubes, des Schweigens. Jetzt atmet er die reine, kühle Bergluft. Sein Lager teilte er mit Ilva, der Tochter des Verwalters Tambo auf dem Rasthof Cuneus Aureus.

(04) In Rom feiert man  die Saturnalien. In Rom macht Gnaeus Constantius Rufus seinen Weg als Bau-ingenieur. Er findet zunächst Unterkunft im Gallierhaus bei Avarix, dem Wirt der EPONA-Kneipe, der ihn auf dem Kapitol gerettet hatte.  Zusammen mit drei Freunden, dem Philosophen Pinpetos, dem Flickschuster Potlun und dem Möbeltischler Iupicellos wird für Rufus ein phantasievoller, neuer Lebenslauf erfunden. Rufus spricht ein wenig Gallisch, und Avarix meint, er müsse wohl aus Mogontiacum stammen. Die Vaterfigur ist ein bodenständiger römischer Angehöriger der Pioniertruppe, die Mutter eine gallische Adelige von großer Vornehmheit und Schönheit. Sie ist nicht nett zu Rufus, ruft ihn rote Bürste wegen seiner roten Haare.

In den trüben Dezembertagen erlebt Rufus Rom im freudigen Taumel der Saturnalien. Die erste Nacht hat er am Fuße des Aventins verbracht, wo er aus seinem Versteck den Kaiser Vitellius beobachtet. Dieser hat die Sänfte mit den Insignien des Imperators verlassen, um seine Blase zu erleichtern. Er ist auf der Flucht, entschließt sich aber zur Umkehr in den verödeten Palast. Inzwischen haben die Flavier das Kapitol zurückerobert. Im Velabrum am Tiber ist Markttag. Zwischen den Tischen und Abfallhaufen werden Germanen zu Tode gehetzt – die Elitetruppe des gestürzten Vitellius. Die Überlebenden haben sich im Marcellus-Theater verschanzt, erwarten den Todesstreich durch die Flavier.  Rufus beeilt sich, in die Subura zu kommen – dort, wo das Herz Roms schlägt, jenseits des Forum Romanum. Der Stadtteil ist in festen Händen der Flavier. Unterwegs begegnet er dem Buchhändler Sosigenes, der gerade ein Feuer in seinem Papierlager löscht. Böse Buben haben eine brennende Fackel hinein geworfen. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Es ist die erkennbare Absicht des Autors, dem Leser Rom in seinem sarkastischen Humor nahe zu bringen. Da ist der Bänkelsänger mit dem Klagelied des Kaisers Nero, der im Vorjahr sein Leben ließ: „Oh Römer: Wie habt ihr mich Künstler so heimlich verlacht / Da hab‘ ich in Rom ein Feuer entfacht / Und ließ euch drin brennen und schmoren / Ich war euer grausames Schicksal, ihr Toren / Ich war euch eine schreckliche Zeit / Uns das nur, weil ihr so undankbar seid / Die Götter bezeugen, ihr habt mich gehetzt / in den Tod – und, was bleibt euch zuletzt? / Dieser Tattergreis Galba, seht ihn da – ha, ha ha…“/ Der nächste Sänger ist Kaiser Galba und sofort…  Ein anderer Umzug persifliert auf deftige Weise die Totenklage um einen Freigelassenen Trimalcho – jeder Römer kennt die Gestalt des Emporkömmlings aus dem Schauspiel Satyricon von Petronius. Aber dann folgt eine reale Szene: Ein berüchtigter Mietshausbesitzer namens Aristos läßt sich ausgerechnet an den Saturnalien in einer Sänfte durch die Subura tragen. Cenaborix, der gallische König des Tages, erspäht ihn, ein Wink genügt, die Sänfte wird gestoppt, wütend schlagen und stoßen die Träger um sich, Aristos wird gnadenlos herausgezerrt, auf einen Stuhl gedrückt, sein Mund aufgesperrt und mit Fleischresten vollgestopft bis er fast erstickt – dabei muß er sich anhören, er soll nicht so gierig alles in sich hineinschlingen, am Schluß wird ihm ein Eimer Essigwein über den Kopf geschüttet – er sei herzlich auch im nächsten Jahr eingeladen. Wo ist die Sänfte? Darin sitzt eine zerlumpte Gestalt, ein Philosoph aus der Schar der Kyniker, er winkt und lacht, und das Volk jubelt ihm zu…

In der EPONA-Kneipe ist der Tag noch lange nicht zuende. Der treuherzige, germanische Feuerwehrmann Ursus hat sich ganz gut erholt – das übliche Gelichter in den Gassen hatte sich mit Messern auf ihn gestürzt. Mithilfe von Passanten konnte er sich in die EPONA-Kneipe retten. Avarix hat den tapferen Mann eingeladen, neben ihm sitzt die hübsche Fugenia, küßt Ursus‘ Wunden, er will aber erst über alle seine anderen Wunden reden, die er sich bei Hausbränden zugezogen hat und stolz wie militärische Auszeichnungen trägt. Allmählich wird Fugenia ungeduldig, zupft Ursus immer häufiger am Ärmel seiner Tunika – endlich begreift er. Na, wenn das so ist, meint er verlegen. Der Tischler Iupicellos brüllt: das Lotterbett habe ich gebaut, das hält schon was aus.

Mit Rufus geht eine Veränderung vor sich. Als er am nächsten Morgen seine Freunde fragt, wo das Mädchen Alauda geblieben sei, kann ihm niemand eine Antwort geben. Keiner erinnert sich an eine Alauda – ein schöner Name keltischen Ursprungs: Lerche. Ob er Fugenia meine? Die Freundin von dem Feuerwehrmann. Oder Bibula, Avarix‘ Lebensgefährtin? Rufus ist völlig verstört: Alauda war ein zierliches, hübsches Mädchen mit goldblonden Löckchen. Sie saß neben ihm auf der Bank, hielt seine Hand. Später lag er mit Alauda auf dem Bett, das Fenster war weit geöffnet, das Mondlicht fiel voll in das Zimmer, das mit prächtigen Möbeln ausgestattet war. Lag er wach? Alauda erhob sich., ging zum Fenster,  schwang sich hinaus in einen Nachen, der dort ankerte.  Sie wandte sich um, sah Rufus nachdenklich an, hob die Hand zum Abschied. Der Fährmann hatte gestutzte Flügel an seinen Knöcheln. Dann stieß er ab. Es war der himmlische Bote: der Gott Merkur. Also, ihr wißt nichts – oder sagt nichts, murrte Rufus. Da antworte Avarix: Vielleicht steckt da ein Geheimnis dahinter – und du, mit deiner Neugier, bist dabei, es zu zerstören. Rufus bat um Verzeihung. Sein Gehirn war nicht das eines normalen Menschen. Er hatte nicht nur sein Gedächtnis verloren, er war offenbar auch somnambul. Und doch: seine Freunde wußten mehr. Sie hatten Beziehungen zu dem Zirkel der Druiden in Rom.

Constantius Rufus ist somnambul. In den hellen Mondnächten lebt er ein zweites Dasein in lebhaften Träumen. Er wandert durch das schlafende Rom, dringt durch seine Mauern in geheime Winkel, trifft sich mit Frauen – darunter Lucilla, verheiratet mit seinem Patron Fabius Pulcher, verwandelt jedoch in ihre verstorbene Tochter Fabiola. Diese Träume, die sich zuletzt auch mit seinem nahen Tod beschäftigen, sind ein wesentliches erzählerisches Moment des Romans: lassen sie doch etwas ahnen von Rufus‘ Schicksal – wer ist er eigentlich, und warum ist ihm Rom in mancher Hinsicht so völlig fremd geblieben, als sei er von sehr weit her gekommen?

(05) Karriere als Bauingenieur.  Gnaeus Constantius Rufus fand eine Anstellung bei der Baufirma Lucius Vestinus® und arbeitete sich rasch empor. Rom war unter den Flaviern voller Baustellen. Der bei der Erstürmung des Kapitols abgebrannte Jupiter-Tempel mußte rasch wieder aufgebaut werden, das riesige Flavische Theater war ein Prestige-Objekt – dazu gehörten die Gladiatorenkaserne und die neuen Thermen. Das riesige, verwilderte Areal von Neros Domus Aurea war einer vernünftigen Nutzung zuzuführen, überall zeigten sich häßliche Lücken von vergangenen Einstürzen und Bränden. Der Bauleiter Tissaphernes von Lucius Vestinus fand an Rufus Gefallen. Rufus fielen für knifflige Probleme stets bestechende Lösungen ein. Er dachte weit voraus und sicherte sich so die Kompetenz für künftige Projekte. Den hauptsächlichen Ruhm heimste Tissaphernes ein, die enge Kooperation mit Gnaeus Constantius Rufus  stritt er freilich nicht ab. Andererseits konnte er mit Rufus‘ Bescheidenheit rechnen. Rufus hatte ein generelles Problem, das er aus unerfindlichen Gründen nie löste: Seinem fingierten Lebenslauf nach war er Provinziale – streng genommen nicht einmal das: Er stammte angeblich aus Obergermanien, das war zur Zeit seiner Flucht ein Militärbezirk, wurde erst unter Domitian Provinz mit Mogontiacum als Hauptstadt. Im römischen Alltag spielte das kaum eine Rolle – solange er nicht in das Getriebe der Justiz geriet. Das Recht für Nicht-Bürger war wesentlich härter und in seiner Auswahl an Strafen drakonischer als das für Römer. Gnaeus Constantius Rufus wohnte zu Anfang in einem sechsstöckigen Mietshaus in der Via Vipsania, unweit von der Saepta Iulia, dem Einkaufszentrum Roms mit der größten Auswahl an Waren. Für das noch nicht durchgehend besiedelte Marsfeld war die Saepta ein Magnet. Rufus, gewöhnlich knapp bei Kasse, schaute mehr herum, als daß er kaufte. Gern erzählte er die Episode, wie er einen billigen Nachttopf erstand.  Er sagte: es war hinreißend, den Geschichten des orientalischen Verkäufers zu lauschen. Wann immer Pompeius, Cicero oder Caesar auf den Topf mußten – er war dabei und gab Ratschläge.

(06) Gesellschaftliche  Beziehungen. Als Rufus, auffällig mit seinem roten Haar, durch die Subura schlendert, zieht er die Aufmerksamkeit des Dichters Valerius Martialis auf sich. Durch ihn lernt Rufus den Patron Fabius Pulcher kennen, wird in den Kreis der Familienfreunde aufgenommen und zu Gastmälern eingeladen.  Er trifft dort Plinius d.J., der über den Ausbruch des Vesuvs und den Tod seines Onkels, des Admirals Plinius d.Ä. , berichtet. Kritische Stimmen melden sich, ob der Befehlshaber der Misenischen Flotte korrekt gehandelt habe. Rufus meldet sich zu Wort: Plinius habe offenbar einen Schlaganfall erlitten und sei nicht mehr Herr seiner Entscheidungen gewesen. Damit macht sich Rufus den griechischen Hausarzt Chrysippos zum Feind, der die Diagnose eines Fremden als Anmaßung betrachtet.

Zu Plinius d. J. knüpft Rufus relativ enge Kontakte. Er besucht den jungen Anwalt auf seinem Landsitz Laurentinum. Plinius wiederum schätzt das mehr rustikale Bauerngut Pampinium, das Rufus von Kaiser Titus geschenkt bekam, vor allem wegen eines uralten Eichenhains. Zuweilen bringt er sogar Gäste mit: so macht Rufus die Bekanntschaft des sehr jungen Tranquillus Suetonius, der, aus Africa angereist, in Rom Karriere machen möchte. Er wird später die Kaiserbiographien schreiben. Die Beziehungen zu der römischen Oberklasse lassen eine gewisse soziale Distanz zu Constantius Rufus, dem Provinzialen, nicht verkennen. Echte, persönliche Freunde sind der Buchverleger Sosigenes, der Kneipenwirt der EPONA, Avarix, und Charmides aus Alexandria – mit dem er einen Ringkampf in der Palästra der Vipsania Thermen ausgefochten hat. Charmides führt Rufus in die Kolonie seiner Landsleute ein, die sich häufig im Alexandrinerhaus im Velabrum treffen. Dort wird heftig diskutiert, auch Experimente stellt man an, ein anregendes Ambiente für junge Intellektuelle. Es ist so, daß die Alexandriner die Römer wegen ihrer angeblichen Provinzialität von oben herab belächeln.

Tief greift in Constantius‘ Rufus Leben die Liebe zu Priscilla ein, der Schwester des Thermenmeisters Milo. Die Familie bekennt sich zum Christentum. Rufus ist mit seinem Olymp römischer Götter zufrieden, dem verspielten Pantheismus, der jeder Quelle, jedem Baum, jedem Felsenhügel eine neckische Gottheit zuordnet. Rufus respektiert den Göttervater Jupiter, verehrt aber hauptsächlich Minerva, Bacchus und Merkur. Er versteht den Monotheismus der Christen nicht. Wozu das? Er macht traurig, ja verzweifelt – Priscilla leidet unter Schüben von Melancholie. Sie hatte als Kind die Christenverfolgung unter dem Kaiser Nero miterlebt – hatte auf der Suche nach ihrem Großvater die Christen als brennende Fackeln gesehen. War es das? Rufus schob die Schuld auf den komischen Apostel Paulus, der, inzwischgen hingerichtet, seine Gemeinde mit endlosen mahnenden Reden tyrannisiert hatte. Sie lagen nebeneinander, aber fanden nicht zueinander, als hütete jeder ein dunkles Geheimnis vor dem anderen. Der Bruch kam, als Priscílla Rufus‘ Liebschaft zu der jungen, fröhlichen  Myrites aus Hippo entdeckte. Sie bestand darauf, Rom zu verlassen. Rufus brachte sie auf einer 14-tägigen Landreise nach Brundisium. Es war eine einzige Agonie, bei der nicht ein  persönliches Wort fiel.

(07) Römische Charaktere. Der Autor bekennt, es war überraschend einfach, aus den Quellenstudien die Charakterbilder seiner antiken Freunde und Bekannten zu zeichnen. Am Ende standen sie da, und sie  waren so und nicht anders. Wohl gemerkt: Wir sprechen hier über historische Gestalten, deren Psychogramm uns in  der Schule nicht interessiert hatte – sofern wir überhaupt ihren Namen kannten. Cicero, Caesar und Augustus – darunter konnten wir uns noch Persönlichkeiten vorstellen – aber Martial, beispielsweise? Er ist zweifellos die interessanteste Figur und ein ständiges Problem für Constantius Rufus. Wir kennen Martial nur aus seinen Epigrammen – das waren Nachrichten aus Rom, in denen er häufig als Mitspieler mitmachte. Martial kam aus Spanien – und kehrte dahin wieder zurück in seinen letzten Lebensjahren.

In Rom war Martial ein armer Hund. Er lebte viele Jahre in einer der sechsstöckigen Mietskasernen am Quirinal, in denen immer mal Brände ausbrechen konnten, oder sie stürzten ein, weil sie nicht nach den strengen Regeln der Bautechnik errichtet waren. Der Autor zeichnet Martial vor allem als einen Menschen voller Selbstironie, der sich niemals zu ernst nahm, und mit seinem Elend, vor allem dem Hunger, kokettierte. Von der Dichtkunst konnte er nicht leben, die Zuwendungen des Kaiserhauses für Lobgedichte flossen spärlich. Das war sein großer Kummer: daß man ihm Publius Statius – den Verfasser der Thebais – vorzog. Der war ohne Zweifel der bessere Literat, auch kamen seine Lobhudeleien im Kaiserhaus  besser an als jene des Valerius Martialis. Dieser rannte zu vier verschiedenen Patronen, jeweils  am frühen Morgen, um das Handgeld oder selten die Einladung zu einer Mahlzeit zu ergattern. Hauptsächlich lebte er wohl von der Spitzeltätigkeit für den Ankläger bei Gericht, Aquilus Regulus. Martialis gehörte zu der Truppe von delatores, die in den Gassen der Subura nach dem Rechten sahen, sozusagen Polizeidienste verrichteten. Rufus hatte zu Martialis stets ein ambivalentes Verhältnis. Oft machte er ihm ungerechte Vorwürfe – aus der sicheren Position des besser Verdienenden.

Die Freundschaft zu dem jungen Plinius war ganz anderer Art: völlig unbelastet von persönlichen Animositäten. Plinius war ein munterer Plauderer, ein Schwärmer für die Natur – und insofern kongenial mit Rufus‘ Pantheismus. Er war extrem eitel und doch diszipliniert: Erbe der Erziehung durch seinen gestrengen Onkel, des Admirals der Misenischen Flotte. Man muß Plinius eine gewisse Oberflächlichkeit attestieren, die in schroffem Gegensatz stand zu der ernsten Sachlichkeit seines älteren Freundes Tacitus. Es ist nichts darüber überliefert, inwieweit Tacitus die etwas aufdringliche Freundschaft mit Plinius im Zaume hielt. Sie waren beide Anwälte in der Basilica Iulia, und insofern ergab sich eine Grundlage für einen regelmäßigen Gedankenaustausch. Auch übten sie beide eher das Amt des Verteidigers aus als des Anklägers. Zweimal jedoch hatte Rufus mit Tacitus – den er im Übrigen schätzte – einen heftigen Zusammenstoß. Tacitus empfand einen tiefen Haß gegen die Christen und sprach sich für ihre Ausrottung aus. Er hing den üblichen Klischees an, daß sie insgeheim Menschenfleisch verspeisten. Tacitus war sehr schnell mit dem Verdikt zur Hand: Es ginge hier um unrömisches Verhalten. Er war aufgebracht, als Kaiser Domitian seinem Schwiegervater Agricola das Kommando über die britannischen Legionen entzog. Er verbot weitere Feldzüge, auch ein Übersetzen auf die Insel Hibernia (Irland), die nur von römischen Händlern aufgesucht wurde. Rufus verteidigte die Politik des Kaisers als eine vernünftige Konsolidierung der Reichgrenzen. Tacitus jedoch zornig: So spricht kein Römer. Er ging für mehrere Jahre außer Landes als Legat in eine östliche Provinz.

Sextus Iulius Frontinus hatte sich seine Sporen schon in den britannischen Feldzügen verdient – um dann von Agricola, Tacitus‘ Schwiegervater, abgelöst zu werden. Er genoß hohes Ansehen in Rom als Römer vom alten Schlag – unprätentiös und unbestechlich. Er hatte Landgüter in Formia und Tarracina, beschäftigte sich aber lieber in Rom mit der Wasserversorgung. Er gründete eine Firma, die u. a. Bleirohre herstellte. Sein Ziel war es, der Wasser-Mafia das Handwerk zu legen, die die Hälfte von Roms zufließenden Wässern illegal verscherbelte. Im vorliegenden Roman gewinnt er Constantius Rufus als Mitarbeiter, was dessen Karriere fördert. Auch Plinius und Frontinus kennen sich – der Autor sieht die Beziehung eher skeptisch. Plinius versteht nicht, warum Frontinus für sich kein stattliches Grabmal wünscht. Ob Frontinus‘ Feststellung, seine Verdienste um Rom seien ohnehin bekannt, man müsse sie nicht noch auf seinem Grabstein erwähnen – nicht doch von Hochmut zeuge?

(08) Das Kaiserhaus. Im Roman ist  Constantius Rufus unter den Zuschauern, als die Grundsteinlegung  des neuen Jupiter-Tempels auf dem Kapitol feierlich begangen wird. Zum Ritual gehört es, daß der Imperator als erster einen Korb mit Erde wegträgt. Danach folgen Vertreter des Senats, schließlich darf das Volk mitmachen. Der Buchhändler Sosigenes hat seinen jungen Freund Rufus in die erste Reihe bugsiert. Mit seinem roten Haar ist er eine auffallende Erscheinung.  Sosigenes hat richtig kalkuliert: Kaiser Vespasian winkt Rufus, er solle helfen, einen Korb Erde wegzutragen. Es ist möglich, daß es zu weiteren flüchtigen Kontakten mit dem Kaiserhaus kommt – aber noch ist Rufus ja erst am Anfang seiner Karriere als Bauingenieur.

Der mächtige Bau des Flavischen Amphitheaters ist fast vollendet – bis auf das oberste Geschoß. Man legt einen Baustopp ein, möchte das Volk nicht länger warten lassen. Auch die neuen Titus-Thermen nebenan werden eröffnet. Tissaphernes, Bauleiter bei Lucius Vestinus, und Constantius Rufus haben die Planung übernommen. Zunächst ist gedacht an eine Umgestaltung der alten Thermen von Neros Goldenem Haus – dann wird doch etwas ganz Neues daraus. Rufus ist für die Wassertechnik verantwortlich. Er hat intensiv über eine Klimaanlage nachgedacht. Der Autor sagt hierzu: Nichts ist bekannt, ob die Titus-Thermen wirklich so ausgerüstet waren – aber die technischen Möglichkeiten  waren bekannt: 1. Drehsprenger auf dem Dach, 2. Ventilatoren im Inneren, und 3. Luftaustausch mittels Ansaugung von Abluft durch Injektoren und Zufuhr von wassergekühlter Frischluft. Antrieb für alle Wasserstränge ist ein unterschlächtiges Wasserrad. Der Autor ist sicher: es hätte funktioniert. Constantius Rufus gewinnt die Sympathie des Kaisers Titus durch eine Innovation: zwei separate Räume, wohin sich der Imperator zurückziehen kann, wenn er des Pöbels müde ist. Es sind die beiden Brunnenzimmer, eines zum Arbeiten, das andere für die Muße. In beiden plätschern Wasserspiele an der Wand. Man verspricht sich davon eine beruhigende, wie auch anregende Wirkung auf die Seele. Der dankbare Titus schenkt Rufus ein Landgut, das er sich aussuchen darf. Er wählt Pampinium, südlich von Rom.

Nach dem frühen Tod von Titus folgt, unangefochten, der um zwölf Jahre jüngere Bruder Domitian als Imperator. Er ist ein kompetenter, maßvoller Regent, der politisch und nicht nur römisch denkt. Ihm ist daran gelegen, den Bestand des Reiches zu sichern, vor allem die überaus lange Grenze entlang der  Donau von Rätien im Westen bis Dakien im Osten. Er kümmert sich um effiziente Verwaltung, das Bildungswesen (Bibliothek!), führt neue, unterhaltsame Wettkampfspiele ein.  Er setzt in Rom die rege Bautätigkeit fort, die in dem prächtigen Kaiserpalast auf dem östlichen Palatin gipfelt. Das Volk ist mit seinem Kaiser zufrieden – der Senat nicht. Der Autor erarbeitet ein minutiöses Psychogramm der Persönlichkeit Domitians und läßt Constantius Rufus hierüber zu Wort kommen: In Begegnungen und Dialogen mit dem Kaiser, seinen Reflexionen über sein Verhältnis zu dem Imperator, und die bange Frage, die immer im Raum hängt: erinnert sich Domitian an die Nacht, in der er mit Hilfe eines Rothaarigen vom Kapitol floh? Längst ist die Geschichte umgeschrieben: Der jüngere Kaisersohn war kein Flüchtling, sondern ein Held, der mit der Waffe in der Hand für die Sache der Flavier vor dem brennenden Jupiter-Tempel focht. Nur der Rothaarige, jetzt ein bekannter Bauingenieur, kennt die Wahrheit. Bei der Beseitigung unliebsamer Personen ist Domitian nicht zimperlich.

Domitian schleppt eine schwere Hypothek mit sich: Er war ein ungeliebtes Kind im Schatten seines älteren Bruders. Seine Aktionen richten sich danach, es Titus, dem Feldherrn und Sieger von Jerusalem, gleich zu tun. Er reist einige Male an die nördliche Reichsgrenze, indessen zu heroischen Schlachten gibt es kaum Gelegenheit. Von seinem Vater Vespasian hat er den schwelenden Konflikt mit der republikanischen Fraktion im Senat geerbt. Gegen den Starrsinn der opferbereiten Stoiker kommt er nicht an. Mit den Jahren werden Mißtrauen und Haß bei Domitian zur Paranoia. Er schlägt nun erbarmungslos um sich, es kommt zu den berüchtigten Schauprozessen, die 93 ihren Höhepunkt erreichen. Constantius Rufus fragt sich, wo sein Platz in diesem tödlichen Brettspiel sei? Nirgendwo. Mit dieser  Gedsellschaftsschicht hat er nichts zu tun. Für Domitian ist er ein ganz persönlicher Fall. Einmal läßt ihm dieser eine unverhohlene Warnung zukommen: Mund halten. Er sagt nicht, wie er das meint. Inwieweit ist der Kaiser berechenbar? Er läßt Rufus zu sich kommen, um mit ihm zu plaudern. Häufiger ist er in mieser Laune. Das Moment der Einschüchterung hängt immer im Raum.
Rufus‘ Verhältnis zu Domitian ist gespalten: Einerseits kreatürliche Furcht um sein Leben, andererseits, wie zur Beschwichtigung, eine Art von Zuneigung. Es wäre anmaßend, und Rufus wagt es nicht einmal im Stillen zu denken, von einem Imperator auch nur eine Spur von Sympathie zu erwarten. Er vermeidet auch den geringsten Anlaß, den Kaiser zu erzürnen. Er achtet, ob sich auf dessen Gesicht eine verräterische Röte zeigt. Das unheilvolle Signal! Domitian reagiert empfindlich und grausam, wenn er sich als Majestät nicht ernst genommen fühlt.  Er ist voller Heimtücke und macht kein Hehl daraus, spielt sie zynisch aus. So ergeht es einem ungetreuen Kassenwart: Der Kaiser fordert ihn auf, sich neben ihn auf die Bettkante zu setzen, um ein wenig zu plaudern. Dann schickt er ihn weg, begleitet von einem Sklaven mit Leckerbissen aus der Palastküche. Am nächsten Morgen wird der Kassenwart von Schergen abgeholt und in der Arena gekreuzigt. Domitian schreckt nicht davor zurück, die – vermutlich – unschuldige Vestalin Cornelia hinzurichten. Er hat einen Scheinprozeß wegen Verletzung des Keuschheitsgebots gegen die Frau inszeniert.   Er spielt sich als Sittenrichter auf. Er hat es nötig: die von ihm geschwängerte Nicht Iulia war an einer Abtreibung gestorben. Rufus hat sich mit Martialis unter die Schaulustigen gemischt. Für die meisten Anwesenden, vor allem Sklaven in ihren grauen Tuniken, ist es ein Schauspiel. Viele Anwesende auf dem Camus Sceleratus scheinen betroffen, zeigen eine ernste Miene, Tränen rinnen, einige Frauen schluchzen ohne Unterlaß. Sie sind gekommen, um sich von der Cornelia zu verabschieden, um  dem Opfer die Treue zu halten – es ist auch eine Demonstration gegen den Tyrannen auf dem Kaiserthron. Cornelia steigt in ein unterirdisches Gelaß und wird von Priestern rituell eingemauert. Die letzte barbarische Tötung dieser Art liegt zweihundert Jahre zurück.

(09) Zeitgeist und kulturelle Schnittpunkte. Das erste Jahrhundert des imperialen Rom ist eine bewegte Zeit, die sich unter den Flaviern konsolidiert. Die konservative Fraktion im Senat hält an den Idealen der alten Republik fest.  Es ist eine Illusion, jenes angeblich Goldene Zeitalter, das sich selbst entmachtet hat. Inzwischen  hat sich mit Vespasian, Titus, Domitian eine kaiserliche Dynastie etabliert. Es gibt kein Zurück mehr. Unter Domitian rollen Köpfe. Dieses erste Jahrhundert ist aber auch eine Periode, in der sich große Geister in Rom sammeln und miteinander kommunizieren wie nie zuvor  - und auch später nicht. Es hat zweifellos damit zu tun, daß das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreicht, Verkehr und Handel enorm zunehmen, die Kolonien mündig werden und ihre Menschen nach Rom schicken – etliche Namen kommen aus Spanien, Nordafrika, Kleinasien, Hellas, Syrien. Rom, zu Zeiten Caesars und Ciceros geistig noch eher von provinziellem Zuschnitt, wird, mit einer Million Einwohner, zur größten Stadt des Erdkreises – vor Alexandria und Antiochia. Unser Autor sagt: ich hätte für meinen Protagonisten Constantius Rufus niemals eine andere Zeit gewählt. An den Grenzen geht es vergleichsweise friedlich zu, im Innern des Molochs Rom rumort es jedoch. Rufus, kommt in dem ständigen Lärm und dem dichten Gedränge in den Gassen nicht zur Ruhe. Auch setzt er sich tödlichen Bedrohungen aus, als er als Bauingenieur auf die Einhaltung der Bauvorschriften drängt. Gelegentlich zieht er sich auf sein Landgut Pampinium zurück. Auch hier kann er nicht ohne Sorgen leben: Die Nächte auf dem Lande gehören den Banden, die aus den weglosen Wäldern hervorbrechen, die Landgüter  überfallen und abfackeln – es sei denn, man zahlt Schutzgeld. Rom ist weit.

Das offizielle Rom ist nach wie vor auf seine Rolle als Militärstaat fixiert – mit erstaunlichen Leistungen in der Logistik,  im Straßen- und Wasserbau, in der Kartographierung seines Riesenreichs. Sein Anteil am Geistesleben der Hauptstadt bleibt bescheiden. Man vermißt große Schulen wie in Alexandria oder Athen. Einzig die Anwälte – glaubt man Plinius d. J. – brillieren mit ihren stundenlangen Gerichtsreden in der Basilica Iulia. Kaiser Domitian sorgt dafür, daß Bücher nach Rom gelangen – meistens aus Alexandria. Charmides, der Schöngeist aus Alexandria, vertritt die Reederei Thotmes in Rom, die mit ihren Großseglern Getreide nach Italien bringt und gelegentlich Marmor als Rückfracht nimmt.  Charmides ist mit Constantius Rufus befreundet, bringt ihm Bildung und feine Manieren bei, führt ihn in den Kreis seiner Landsleute im Alexandrinerhaus ein. Der alexandrinische Hellenismus ist dem bäuerisch-militanten Geist Roms bei weitem überlegen – meint Charmides, der am Hof Vespasians verkehrt. Vespasian, als er noch in Alexandria weilte, wurde von dem hochnäsigen Straßenvolk als Pökelfisch oder Maultiertreiber verspottet – was den dickfelligen Feldherrn nicht im mindesten störte. Er zog nur die Steuerschraube an.

Plutarchos aus dem griechischen Chaironeia ist mehrmals nach Rom gereist, offiziell von seiner Kommune abgesandt, und vom Kaiserhaus stets freundlich empfangen worden. Auch Constantius Rufus freundet sich mit ihm an, besucht ihn in späteren Jahren in Chaironeia. Die ansässigen Griechen haben in Rom nicht das beste Renommee: sie gelten als arrogant, verdienen ihr Geld vorwiegend als Pädagogen und Ärzte. Plutarch möchte Versöhnung zwischen den zwei großen Völkern erreichen – jedoch auf Augenhöhe. Das alte Hellas ist untergegangen, da macht er sich nichts vor. Heute ist es die römische Provinz Achaia – trotzdem, die hohe Wertschätzung, die Griechenland in Rom genießt spricht nicht für einen Verlierer. Plutarchos verfaßt das Buch der Biographien, in dem er jeweils eine griechische und eine römische Gestalt aus der Geschichte gegenüberstellt.

Josephus Flavius, ein Schützling des Kaiserhauses, hat gleiches im Sinn: eine Versöhnung des Judentums mit Rom. Er hat auf Seiten der Römer die Belagerung und Eroberung Jerusalems miterlebt. Später verfaßt er – offiziell vom Kaiserhaus beauftragt – die Geschichte des Jüdischen Krieges. Er  schreibt zu-rückhaltend, so  ist seine Stimmungslage aus den Literaturzeugnissen schwer einzuschätzen. Rufus beschreibt ihn als  melancholisch, ja entmutigt – auch ängstlich ob der Morddrohungen der jüdischen Gemeinde in Rom. Diese verfolgt ihn mit Haß, will von einer Versöhnung mit Rom  nichts wissen. Was sind wir für ein zerrissenes Volk, grübelt Josephus. Wir hassen uns selbst. Und wir sollen ein, auser-wähltes Volk sein? Details der Geschichte des Jüdischen Krieges erfuhr Rufus von einem Veteran, der in Avarix‘ Kneipe EDPONA verkehrte. Dieser riet ihm, Josephus Flavius aufzusuchen.

(10) Spurenlese. Bei intensivem Quellenstudium könne man immer noch auf interessante Fährten stoßen und so zu neuen Einsichten gelangen. Wenn etwas als gesichert gilt, dann vielleicht nur deshalb, weil aus Bequemlichkeit Geschichtsschreiber voneinander abgeschrieben haben. Manche evidenten Zusammenhänge werden auch schlicht übersehen. Der Autor führt ein paar Beispiele aus seinen eigenen Recherchen an.
a) Von Sextus Iulius Frontinus wird vermutet, daß er mit Domitian 84 an den Chattenkriegen teilnahm. Die angewandte Taktik trägt seine Handschrift: Breite Schneisen in die Wälder zu schlagen, um  sich gegen Hinterhalte des Feindes zu sichern. Dann heißt es, man wisse nichts von seiner Tätigkeit zwischen 85 und 97, als er von Kaiser Nerva zum Wasserdirektor ernannt wurde. Es kann nicht stimmen, daß das Werk De Aquis erst 97 verfaßt und herausgegeben wurde. Es spricht dafür, daß sich Frontinus, der ja ein reger Geist war, in der fraglichen Zeit bereits intensiv der Wasserwirtschaft und dem Kampf gegen die Wassermafia gewidmet hatte. Einmal bemerkt er, er habe geholfen, daß Geld in Domitians Schatulle gelangte. Er hat also durchaus für den Kaiser gearbeitet. Mit Sicherheit besaß er eine eigene Firma, es wurde nämlich ein Bleirohr gefunden mit seinem aufgestempelten (abgekürzten) Namen.
b) Daß Josephus Flavius nach einem verlorenen Scharmützel gegen das römische Heer von der Hinrichtung verschont wurde, sei seiner Prophezeiung zu verdanken, Vespasian würde die Kaiserwürde erlangen. Das war die offizielle Version. In Wirklichkeit gab es alte Verbindungen zwischen Josephus und den Römern. Josephus war bereits 64 in Rom, um die Freisetzung einiger inhaftierter Rabbiner mit Nero auszuhandeln. Als Rom brannte, war es womöglich er, der den Verdacht auf die christliche Gemeinde lenkte, um seine Rabbiner zu retten. Es ist nicht auszuschließen, daß er Saulus-Paulus kannte  -  ihn aber kaum schätzte. Da er zur jüdischen Prominenz zählte, ist es wahrscheinlich, daß Josephus auch zu Herodes Antipater und Berenike, der Freundin von Titus, eine Beziehung unterhielt. In jedem Fall war ein lebender Josephus für die Flavier von größerem Nutzen als ein hingerichteter.
c) Der Apostel Paulus hatte wohl vor, in Spanien zu missionieren. Die Apostelgeschichte berichtet nichts darüber, ob er seinen Plan verwirklichte. Es wäre logisch gewesen. In Rom, mit seiner etablierten christlichen Kolonie, hätte Paulus wenig zu tun. Vermutlich gab es Eifersüchteleien zwischen Heidenchristen und Judenchristen – letztere Parteigänger des ersten Bischofs (Papstes?) Petrus: Kein Zweifel, der war persönlich von Christus eingesetzt worden, daran konnte ein Paulus nichts umdeuten. Rom war ein heißes Pflaster, wie die Denunziationen bei der zweiten Neronischen Verfolgung zeigen. Spanien bot sich für eine Missionierung an, da Paulus guten Beziehungen zur Familie des Seneca hatte. Wie überliefert ist, kannte er den Bruder des Philosophen, der als Gouverneur in der Provinz Achaia residierte.
So hatte er sicher auch dem Philosophen in Rom, ehemals Erzieher von Nero und Chef der Verwaltung, einen Besuch abgestattet – die Familie Senecas stammte aus Spanien, und die Kontakte konnten für Paulus nützlich sein. Es spricht also einiges dafür, daß er eine Zeitlang in Spanien wirkte. Ob er tatsächlich später in Rom hingerichtet wurde, ist nicht erwiesen – und wenn doch, könnte sein Tod einen politischen Hintergrund haben wegen seiner Kontakte zu dem in Ungnade gefallenen Seneca.
d) Als Plinius d. J. bei einem Gastmahl den Ausbruch des Vesuvs 79 und die Aktionen seines Onkels, des Admirals der Misenischen Flotte, beschreibt, melden sich kritische Stimmen. Sie lassen sich aus den beiden hinterlassenen Briefen des Neffen zu diesem Ereignis leicht nachvollziehen:
Eine gewisse Rectina meldet sich über einen Boten bei dem Admiral, mit dem sie offenbar eine – wie auch immer geartete – Freundschaft verbindet, er möge mit einem Schiff kommen und sie evakuieren. Eine lebensrettende Flucht auf dem Landweg wäre gewiß noch möglich gewesen – aber ohne Rectinas Hausrat. Plinius d. Ä.  löst das Probleme, indem seine Triere zu einer allgemeinen Rettungsaktion mobilisiert. Diese mißlingt, da ungünstige Winde die Annäherung an die Küste nicht ratsam erscheinen lassen. Außerdem muß man mit Untiefen rechnen wegen des vulkanischen Auswurfs. In der von Staub und Giftgasen geschwängerten Atmosphäre kann die Rudermannschaft nicht mehr eingesetzt werden. Herculaneum ist bereits in einer Schlammlawine, Pompeiji in Asche und Lapilli begraben.
Der Admiral, offenbar entmutigt, möchte wenigstens seinen Freund Pomponius retten. Stabiae, wo dieser wohnte, war noch gut mit Rückenwind zu erreichen. Aber dann liegt das Schiff auch in diesem Hafen fest. Plinius versucht die aufgeregte Familie zu beruhigen. Die lodernden Feuer in der Ferne seien Bauernhöfe, die sich an offenen Herdfeuern entzündet hätten… Der Admiral denkt nicht an Flucht, läßt sich ins Bad tragen, speist mit Appetit, schläft erschöpft ein, seine Atemzüge kommen stoßweise, er ist schwergewichtig und am Herz leidend. Beruhigung statt Rettung? Constantius Rufus kommt zu dem Schluß, Plinius ist nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Vermutlich hat er einen leichten Schlaganfall erlitten. Die Familie des Pomponius, unschlüssig, was zu nun sei, schläft nicht. Sie entscheiden sich zur Flucht, der Geruch nach Schwefel wird unerträglich. Draußen ist finstere Nacht, obwohl schon Morgen. Der Admiral wird geweckt, man trägt ihn zum Strand, aber eine Flucht zu Schiff scheint unmöglich. Plinus wird schlecht, er muß sich hinlegen, er verlangt nach Wasser, rappelt sich noch einmal hoch, klappt zusammen und ist tot. Ausdrücklich vermerkt sein Neffe: Die Familie des Pomponius erzählte, der Onkel glich nicht einem Toten, sondern einem Schlafenden. Rufus sagt: Er starb an einem Herzschlag, ganz ohne Todeskampf, es könne keine Rede davon sein, der Admiral sei qualvoll in den vulka-nischen Dämpfen erstickt. Abgesehen davon: auch  seine Sklaven und die Familie des Pomponius überlebten schließlich.

(11) Fremder in Rom. Man sollte schon wissen, daß der Kaiser den gallischen Kampfstil dem thrakischen vorzieht – ja letzteren haßt. Mochten die Götter wissen, warum! Ein vorwitziger Besucher findet das lustig, schwatzt dummes Zeug, wird denunziert und ohne Umstände den Bluthunden vorgeworfen. Constantius Rufus berichtet die Episode vom Hörensagen, wahr oder nicht: sie könnte wahr sein. Mit Domitian wußte man nie, wie man dran war. Rufus meidet nach Möglichkeit das Amphitheater. Der Zweifel quält ihn dennoch: Er will mit jeder Faser ein guter Römer sein – warum folgt er nicht dem schaulustigen Volk, wenn es auf die Tribünen strömt? Es gibt kritische Stimmen, aber man hört sie selten. An der Gladiatorenschule von Pompeiji findet sich ein von Hand gekritzelter Satz: Annaeus Seneca ist der einzige Philosoph, der die blutigen Kampfspiele verurteilt. Das war richtig: Seneca fand es würdelos, Menschen aus Schaulust zum Töten abzurichten. Ciceros Haltung war ambivalent. Undenkbar, dem Schöngeist hätten die von einem grölenden Pöbel beklatschten Kämpfe auf Leben undTod zugesagt.  Sein Leben lang litt er unter einer diffusen Angst vor Schmerz. Er wunderte sich daher über die augenscheinliche Empfindungslosigkeit des Gladiators gegen Pein. Plinius findet jede Art von Spielen geisttötend langweilig, ob den Kampfsport in der Arena oder die Wagenrennen im Circus Maximus.

Constantius Rufus vermißt etwas anderes – das er bei seinen christlichen Freunden wahrgenommen hat: Mitgefühl. Häufig hört man bei ihnen das Wort misericordia, das dem gewöhnlichen Römer selten in den Sinn kommt. Es ist eine schlichte Menschlichkeit, die sie auch ihren Sklaven nicht vorenthalten. Deren minderer Rechtsstatus hat nichts mit Moral zu tun. Sie werden gut behandelt, man achtet ihre Würde, entläßt sie nach angemessener Zeit in die Freiheit. Constantius Rufus ist eigentlich ein vorbildlicher Römer: Was plagt er sich ab mit dieser ruhelosen, chaotischen, dröhnenden Stadt. Das Thema seiner innersten Befremdung bringt er nur vorsichtig ins Gespräch, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist – Plinius, Frontinus, Tacitus, die der gehobenen Schicht angehören. Sie begreifen nicht: ob er Milde meine – clementia? So wie sie Vespasian praktiziert habe. Oder die Fürsorglichkeit eines Titus: Rom läßt seine Armen nicht hungern. Fremde Götter werden geduldet,  jedermann darf zu seinen Göttern beten. Und niemandem wird das römische Recht verweigert – mögen auch die Institutionen ihre Schwächen haben. Rufus kommt sich ertappt vor. Einer trifft zufällig mal ins Schwarze, als er sagt: Warum sind wir ein Weltreich geworden -  nicht aber die Griechen, die Phönizier, die Gallier? Wir waren stark. Hätten wir Schwäche gezeigt, Uneinigkeit, Eigennutz – wir wären heute noch ein latinisches Bauerndorf unter der Fuchtel der Etrusker. Und gewiß ist auch: Wir sind fromm, haben die Götter auf unserer Seite. Rufus sieht das ein, zieht Vergleiche mit dem Gott der Juden und der Christen. Der hält nichts von der misericordia seiner Anbeter:  ein entrücktes, blutleeres Wesen, das niemandem eine Freude gönnt, das stets gleich zürnt, beleidigt und rachsüchtig reagiert. Priscilla hat nicht daran gearbeitet, Rufus umzustimmen. Wollte sie ihm ihren düsteren Glauben ersparen? War es ein Beweis ihrer Liebe?

Die Jahre ziehen an Constantius Rufus vorüber. Er gründet mit Tissaphernes eine eigene Firma, arbeitet nebenher noch für Frontinus. Vom Kaiser bekommt er den Auftrag, die Gladiatorenkaserne am Flavischen Theater zu bauen. Er selbst zieht in eine geräumige Wohnung unter dem Westhang des Kapitols. Um sein Landgut Pampinium gegen Überfälle zu sichern, schließt er mit dem Bandenchef Nachor einen Vertrag. Die Reise mit Priscilla nach Brundisium ist für Rufus eine harte Prüfung. Er akzipiert sie im Stillen als eine Strafe für seine Untreue. Er lag mit der jungen Myra aus Hippo auf einem Lager im Alexandriner-Haus. Myra hatte sich bei ihm ausgeweint: Ihr Vater, der Gouverneur der Provinz Africa, war bei Kaiser Domitian in Ungnade gefallen. Plötzlich stand Prisicilla unter der Tür. An der Mole in Brundisium, wo der Segler nach Dyrrhachium dümpelt,  trennen sie sich ohne ein Wort, ohne einen Blick des Abschieds.

Constantius Rufus beschäftigt immer drängender die Frage: Wer war ich einmal? Am Isis-Tempel auf dem Marsfeld hat die Wahrsagerin Porphyria ihr Etablissement. Rufus verkehrt dort öfters. Der Mysterienkult von Isis und Osiris zieht ihn an. Eines Tages läßt ihm Porphyria über eine hübsche Flötenspielerin eine rätselhafte Warnung zukommen: Er sei in tödlicher Gefahr und soll sich bei ihr melden. Rufus weiß, die Schergen des Immobilienmaklers Berytos sind hinter ihm her, das Netz zieht sich enger. ER schlüpft bei Porphyria unter, bittet um einen Pilzabsud für eine Geisterreise. Vielleicht läßt sich die ver-schüttete Erinnerung wecken, und er findet den Weg in seine Heimat. Es wird ein skurriler Ausflug in eine Traumwelt der Vergangenheit. Als Rufus erwacht, mahnt ihn Porphyria zur Eile: Ihr Haus werde von Banditen umlagert, sie fürchte, sie werden die Tür sprengen. Durch einen geheimen Tunnel entkommt Rufus. Die Leiche der Porphyria, angekettet an ihren Diener Stephanus, findet man anderntags im Tiber an einem Brückenpfeiler. Constantius Rufus reist zur Kur nach Epidauros in Attika, besucht unterwegs seinen Freund Plutarchos in Chaironeia, und als er endlich wieder in Rom eintrifft, erfährt er vom Tode seines Patrons Fabius Pulcher. Seine Frau Lucilla, schwer erkrankt, hatte sich vorher das Leben genommen. Constantius Rufus regelt seinen Nachlaß, bricht nach Raetien auf.

(12) Tod in der Via Mala-Schlucht. Das Schicksal ereilt Constantius Rufus in den Bergen, fern von Rom. Er befehligt eine Truppe von Agrimensoren, die die Strecke von Clavenna über den Specula-Paß bis zur Via Mala-Schlucht kartographieren. Gleichzeitig arbeitet ein  Pioniertrupp an einer Verbreiterung des Weges und an sicheren Übergängen an der Via Mala-Schlucht. Rufus hat viel freie Zeit in dem römischen Gasthof Cunus Aureus, und so beschließt er, sein Leben in Rom zur Zeit der Flavischen Kaiser aufzuzeichnen. Er diktiert seinem Sekretär Kleon, der die Kurzschrift beherrscht. Für persönliche Bedürfnisse ist der Diener Lichas zuständig. Zu ihm faßt  Constantius Rufus, anders als zu Kleon,  kein Vertrauen. Als eines Tages fünf Blätter geheimer Dokumente verschwinden, gerät Lichas in Verdacht. Den Verkehr zwischen Clavenna und Curia über den Specula-Paß unterhalten Säumer mit ihren Maultiergespannen sowie Träger für kürzere Wege mit geringeren Lasten. Der Mann, der alle Fäden in der Hand hält, ist Camox, der König der Säumer. Seine Familie hat den internen Bandenkriegen ein Ende gesetzt und die Säumer zu Preisdisziplin verpflichtet. Die Oberherrschaft Roms wird anerkannt, solange sich das Reich nicht in interne Angelegenheiten der Säumer einmischt. Die Grenze zwischen Italien und der Provinz Raetia – mit der Hauptstadt Campodunum (Kempten) – verläuft etwas südlich des Specula-Passes. Dort amtiert eine römische Zollstation. Die Erhebung von Zollgebühren zwischen dem Kernreich und seinen Provinzen ist üblich. Einen Minimalbetrag kassiert die Staatskasse, was tatsächlich bezahlt werden muß,  ist das Ergebnis eines Pokers mit den Händlern. In jedem Fall erhalten die Säumer einen Anteil.

Im Weltbild von Camox und der Säumer sollte sich an dem fein austarierten Gleichgewicht nichts ändern. Die Arbeiten der Agrimensoren werden ohne Arg geduldet. Es ist bekannt, in dem riesigen Römerreich wird immer irgendwo vermessen. Die Parzellen sind die Basis der Besteuerung, aber auch der Straßenbau ist auf kartographische Daten angewiesen. Der Wind dreht sich, als mit dem Verschwinden der Dokumente aus Rufus‘ Büro das Projekt eines Karrenwegs publik wird. Mit im Spiel ist ein gebildeter Händler, der Camox die Dokumente erklärt. Vermutlich ist auch die römische Zollstation im Bilde. Es ist bekannt, daß selbst der Gouverneur im fernen Cambodunum gegen das Projekt des Karrenwegs intrigiert. Camox stellt Constantius Rufus zur Rede. Der erklärt ihm unumwunden: Mit Saumtieren allein ist die Zunahme des Fernhandels nicht zu bewältigen. Camox sieht das zwar ein, fürchtet jedoch, daß bei dem römischen Projekt des Karrenwegs nur Rom kassieren wird, und die Säumer das Nachsehen hätten. Rufus begreift die Patt-Situation: Selbst wenn Camox Verständnis zeigte, müßte er für das Projekt erst seine Säumer gewinnen. Das scheint aussichtslos. Will Camox König der Säumer bleiben, muß er den Karrenweg verhindern. Das heißt Mitwisser beseitigen, die Dokumente abfangen.
Der Orte der Hinrichtungen sind die Schluchten am Hinterrhein: Ein Bote aus Rom, im Verdacht, er bringe kartographischen Unterlagen zum Gouverneur von Raetien, wird in die Via Mala-Schlucht gestoßen. Der Händler, der die Dokumente erklärt hat, findet den Tod. Dann reitet Camox mit Constantius Rufus an die Rufela-Schlucht, deutet auf einen Felsvorsprung: da liegt Lichas, starrt mit offenen, wie erstaunten Augen in den Himmel. Das ist noch nicht das Ende, meint Camox anzüglich. Korrekt reicht er Rufus einen Beutel mit Münzen: Bezahlung für den getöteten Lichas – eine Ware, wie jede andere.
Constantius Rufus weiß, seine Tage sind gezählt. Den Zweikampf mit Camox kann er nicht gewinnen. Es gelingt ihm, seinen Sekretär Kleon mit den originalen Dokumenten und seinem Lebensbericht  über die Paßstraße nach Clavenna auf den Weg nach Rom zu schicken. Vorher wird er formlos freigelassen. Da erscheint ein reitender Bote mit Nachrichten aus Rom. Die Strecke hat er in einer Woche geschafft. Kaiser Nerva stellt es Constantius Rufus frei, erklärt der Bote, sofort nach Rom zurückzukehren oder nach Mogontiacum zu reisen die Dokumente  dem Gouverneur Traianus auszuhändigen. Rufus ist völlig verdattert: Was heißt da Kaiser Nerva. Nun, Domitian ist ermordet worden, von seinem Personal im Palast. Der Senat hat bereits die Damnatio Memoriae verhängt. Seine Bildnisse werden gestürzt, sein Name aus den Inschriften herausgemeißelt. Das hat es bisher nur unter Caligula und Nero gegeben.

Rufus hält daran fest: Mogontiacum ist sein Ziel. Ein fiktiver Beobachter berichtet über seine letzten Stunden. Im Rasthof Lapidaria hat er noch übernachtet, dann führt er sein Pferd, das sich erst sträubt, über die wackelige Brücke, die den Rhein überquert. Sie knarrt verdächtig. Aus unerfindlichen Gründen führt der Fluß Hochwasser. Es beginnt zu schneien. Durch die von den Pionieren ausgehauenen Halbgalerien erreicht Rufus die Nordbrücke: sie ist verschwunden, ins Wasser gestürzt, sie blockiert die Strömung, daher das Hochwasser. In der Flut tauchen schäumend und wirbelnd Holzplanken auf: auch die Südbrücke ist zerstört.  In beide Brücken waren Kerben geschlagen. Plötzlich bricht das Pferd zusammen, in seinem Hals zittern drei Pfeile. Die Säumer haben die Höhen besetzt.  Sie werden nicht auf ihn zielen. Sonst hätten sie sich nicht die Mühe gemacht, die Brücken zu zerstören. Man überläßt ihm der Natur. Er muß sich entscheiden zwischen Ertrinken und Erfrieren. Er kriecht zu einer Felsplatte hoch, die vom Wasser nicht erreicht wird , hüllt sich in seinen Mantel. Falls er in seinen letzten Stunden über Marcus Tullius Cicero nachdenkt: ist Rufus‘ Tod nicht angenehmer, wenn auch weniger römisch? 

 

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Mit der Antwort auf die Frage: Was ist Wissenschaft? hat man sich immer schwer getan – nur in den exakten Naturwissenschaften gab es handfeste Kriterien. So muß man die unsicheren Grenzgänger einzeln betrachten. Die Graphologie ist ein besonderer Fall. Ihre Aufgabe ist es, zunächst Handschriftproben zu sammeln, nach einer Anzahl von Kennzeichen zu untersuchen und bestimmten Kategorien zuzuordnen. Je mehr Material , um so besser. Man bedient sich heute modernster Methoden, per Computer große Mengen von Handschriften akribisch auszuwerten. Soweit es die Sichtung des Materials angeht, muß man der Graphologie attestieren, daß sie wissenschaftlich vorgeht. Weiter kommt sie allerdings nicht. Die Situation erinnert an die Etruskologie – man kennt die Schrift der Etrusker, kann sie lesen, jedoch nicht übersetzen. Auch die Neurologie des Gehirns steht vor dem Problem: Sie kann messen, welche Ströme durch gewisse Hirnpartien fließen. Die Hoffnung, es ließen sich eines Tages Gedanken aus den Messungen ablesen, mutet jedoch naiv an. Hier ist ganz offensichtlich eine natürliche Grenze erreicht. Für die Graphologie bedeutet das: Ihr Ziel, aus Handschriften auf Charakterzüge des Schreibers zu schließen, wird sich nicht erfüllen. Daß es noch ein weiter Weg bis dahin wäre, dessen ist man sich wohl bewußt. Aber prinzipiell unmöglich? Dagegen wehrt sich auch die graphologische Tradition. Einer ihrer Väter, Ludwig Klages, war der Meinung, man könne mittels der Handschrift gute von bösen Menschen unterscheiden. Er hatte sich da einen besonderen Trick ausgedacht, der heute vermutlich vergessen ist. Man war damals auf die getrennte Existenz von Gut und Böse eingeschworen – ganz anders als heute: Gut und Böse sind vereint in einzigen Entität. Bestenfalls könnte man das Duo Gut-Böse aufspüren – aber auch das wäre eine Verkennung der Realität der Vernetzung, der Unmöglichkeit, Elemente der emotionalen und kognitiven Bereiche isoliert zu betrachten. Was freilich sicherer Bestand ist: Die Handschrift ist ein individuelles Merkmal des Individuums, wie der Fingerabdruck.

 

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Als Anreiz zur Beschäftigung mit dem vielgefächerten Thema und zur Einsendung von Beiträgen schließt jeder der acht Unterpunkte mit einer suggestiven Anregung ab, z. B.: Welche Quellen der Inspiration für eine literarische Arbeit können Sie sich vorstellen oder sind Ihnen aus persönlicher Erfahrung in Erinnerung?  Wünschenswert wäre zur Demonstration / Interpretation ein literarischer Beitrag, ist aber nicht Bedingung. Die Auswahl der Unterpunkte ist dem Einsender freigestellt, es kann einer, es dürfen mehrere sein. Das Werkstattgespräch beschränkt sich im folgenden auf Prosa. Poesie und Drama könnten nicht ohne Zwang parallel behandelt werden. Hierzu empfiehlt sich ggf. ein Anhang. Wir gliedern den literarischen Schaffensprozeß in acht Abschnitte. Die nachstehenden Ausführungen erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit

1. Quellen der Inspiration
Spontane Sinneseindrücke: Geräusche, Lichtreize, Gerüche (Proust, 'A la recherche du temps perdu)
Eindrücke bei betrachtendem Verweilen: Orte, Gegenstände, Personen, Natur
Erlebnisse als Beobachter  oder Beteiligter: Reisen, Naturkatastrophen, Kriegsgeschehen
Durchleben emotionaler Zustände: Todesfall als Verlust, Sehnsucht, Angst, Unruhe
Autobiographische  Anstöße: Kindheit; Notzeiten, Freundschaften, Liebesbeziehungen
Anstöße durch Vorlagen: historische Themen, Erzählungen Dritter, Filme, Lektüre, Träume
Titel sucht eine Geschichte: Ein gut klingender Titel kann eine enorme Schubkraft entfalten.

Oft läßt sich der Ursprung einer Idee nicht mehr zurückverfolgen, da die Idee schon seit langem ein unruhiges Eigenleben entwickelt hat. Bei längeren Werken ist der Autor auf einen kontinuierlichen Fluß von Ideen angewiesen. Versagen die Quellen der Inspiration, wird das Werk schwer genießbar. Schöpferische Pausen sind notwendig, aber ohne Zufluß frischer Ideen läuft nichts mehr (von Hemingway bis Böll liefert die Literatur zahlreiche peinliche Beispiele).

Anregung:
Versuchen Sie doch einmal sich zu besinnen, welche Art von Inspiration Sie zu einem literarischen Werk geführt hat – oder hätte führen können.

2. Von der Idee zum Konzept der Story
Was wird aus der Idee, wenn es denn ernst wird: Ein lyrisches Werk, ein Drama, ein Stück Prosa? Im allgemeinen fällt auch mit der Idee schon die Entscheidung über die literarische Gattungsform: Gedicht, seltener Schauspiel oder Filmskript, am häufigsten Prosa – Kurzgeschichte, Erzählung, Novelle, Roman, Satire, Märchen, Dokumentation, Aphorismen. Wir wollen uns im folgenden ausschließlich mit dem Schreiben von Prosa beschäftigen.

Wählt der Autor eine Form von Prosa, so kann das Schreiben zu einem wechselvollen Abenteuer werden, mit Leiden und mit Freuden. Schlummert in der Idee wirklich ein Potential, das für die Länge eines Romans ausreicht? Oder wird der Autor nach den ersten paar Dutzend Seiten in Atemnot geraten, so daß er den Stoff besser in der kleinen Form einer Kurzgeschichte oder Erzählung (Novelle) verarbeiten sollte? Vom Übel wäre es – für Leser und den Autor – versuchte letzterer, den Stoff nach einer angepeilten Seitenzahl zu strecken. Auch das Umgekehrte ist möglich, freilich viel seltener: Der Autor hat die Idee zu einer kurzen Erzählung, aber dann entwickelt die Geschichte ein eigenes Tempo mit einer ausufernden Stoff-Fülle: Aus der Kurzprosa wird ein Epos.

Zunächst freilich muß das Konzept für eine Story geschaffen werden. Der Autor wird es immer wieder mit neuen Einfällen oder gar Pointen anreichern und auch abändern, abhängig vom Umfang des Projekts. Grundsätzliche Überlegungen hierzu: Anfang und Ende der Geschichte? Tragende Stützen, belebende Pointen? Dynamische Handlung mit strenger Chronologie, oder eher statisches, betrachtendes Geschehen? Wie gliedere ich den Stoff, wie verteile ich die Gewichte, damit das Geschehen nirgendwo lastig wird? Wieviel Personen spielen mit – Hauptrollen, Nebenrollen? Welche Schauplätze eignen sich? Mit welchen Mitteln schaffe ich äußere bzw. innere Spannung? Welche retardierenden Momente füge ich ein? Welche Episoden, Schauplätze, Personen, Umstände bieten sich für eine Reflexion an?

Anregung:
Lassen Sie Ihr Leben einmal Revue passieren, – von Ihrer Kindheit bis zum heutigen Tag. Notieren Sie, was Ihnen bemerkenswert erscheint. Es müssen nicht spannende Erlebnisse sein – das auch. Alles, was Sie einmal geistig stark in Anspruch genommen oder seelisch bewegt hat, hinterläßt einen nachhaltigen Eindruck in der Psyche. Aber auch jede Art von intensiver Beobachtung von Menschen, Schauplätzen, Geschehnissen sind eingravierte Spuren in Ihrer Erinnerung. Versuchen Sie, die Inhalte nach der Bedeutung  für Sie – negativ wie positiv – zu ordnen. Und dann stellen Sie sich die Frage: Welche Stoffe würden sich für eine Umsetzung in Literatur eignen (nicht nur Prosa)?

3. Literarische Formatierung
Ist über den Rahmen der Story entschieden, müssen noch einige grundsätzliche Arbeitsparameter festgelegt werden:
Vorläufiger Titel des Werks (Arbeitstitel).
Namen von Örtlichkeiten und Personen. Bei Schauplätzen stellt sich die Frage, inwieweit Authentizität gewahrt oder verschleiert wird. Hier sollte man konsequent sein. New York, beispielsweise, läßt sich schlecht verstecken, also keine Straßen oder auffällige Gebäude hinzuerfinden.

Distanz zum Protagonisten: „ich“ oder „er“ / „sie“? Letztlich ist die Entscheidung intuitiv und spontan. Wer in der Ich-Form schreibt, drückt damit eine starke emotionale Bindung an sein Werk aus. Der Autor schlüpft in die Rolle des Protagonisten. Der Leser wird eher in das Geschehen mit hineingezogen, als wenn aus einem gewissen Abstand über jemanden in der dritten Person berichtet wird.
Dialoge in direkter oder indirekter Rede: Endlose Dialoge wirken in jedem Fall ermüdend. Alternierende Verwendung von indirekter Rede kann durchaus zweckmäßig sein, man sollte jedoch wissen, unter welchen Umständen, und dann konsequent bleiben. Als Faustregel gilt: In einem ganz aktuellen Gespräch bringt man die Dialoge in direkter Rede. Werden sie zu lang, oder nimmt das Gespräch eine Wendung, sollten erörternde oder reflektierende Texte oder auch indirekte Rede dazwischengeschoben werden. Indirekte Rede läßt sich immer verwenden, wenn auf zeitlich oder räumlich ferner liegende Gespräche Bezug genommen wird. Es ist durchaus legitim, ausschließlich indirekte Rede zu verwenden, vor allem wenn das Dialogische keine hervorgehobene Rolle spielt. Der Nachteil ist die grammatikalisch korrekte Verwendung des schwerfälligen Konjunktivs. Sollte man da nicht über seinen Schatten springen und einen Abschnitt konjunktivisch einleiten, dann aber im Indikativ fortfahren, wenn längere Passagen folgen?
Vergangenheit oder Gegenwartsform: Man schreibt in der Vergangenheit und geht in die Gegenwartsform über, wenn Spannung, Geschwindigkeit, Erregung, Aktualität suggeriert werden sollen. Das gilt für Texte wie für Dialoge. Im gegebenen Fall kann die Entscheidung schwierig sein. Man muß vermutlich die fraglichen Passagen mehrmals lesen und horchen, wie es klingt, oder ob etwas stört. Oft verbleibt man in dem eingeschliffenen Sprachduktus der Vergangenheitsform, obwohl längst die Gegenwart fällig wäre. Also aufpassen! Man wird die Stimmigkeit der Zeiten immer wieder überprüfen und ggf. korrigieren müssen. Das gilt weniger häufig auch für das Verhältnis Zukunft / Gegenwart.
Knapper oder breiter, erzählender Stil. Sofern man nach Jahren des Schreibens überhaupt noch eine Wahl hat – denn der Schreibstil wird zu einem Persönlichkeitsmerkmal: Es hängt vom Sujet ab. Auch epische Breite verlangt strenge Disziplin, selbst wenn für die plastische Schilderung, beispielsweise einer alpinen Landschaft, alle statthaften, sprachlichen Register gezogen werden. Andererseits kann ein knapper Stil, gerade durch das Weglassen – durch die Verknappung – an Spannung und Dichte gewinnen. Davon könnte die chronologische Erzählung profitieren. Ein bekanntes Beispiel ist Die Vermessung der Erde von Kehlmann.
Innerer Monolog: Davon erfuhr eine aufgeschlossene Öffentlichkeit erstmals durch den Ulysses von James Joyce. Im allgemeinen wird man vom inneren Monolog keinen exzessiven Gebrauch machen – wie noch in der Prosa Thomas Bernhards –  sondern einfach der berichtenden Handlungsebene eine reflektierende Ebene überlagern.
Komposition und Dramaturgie: Die Gewichte müssen so verteilt sein, daß sich Spannung und retardierende Passagen ablösen, insgesamt die Handlung aber gegen Ende einem Höhepunkt zustrebt, dem ein steiler Abfall zum Ausklang folgt. So sieht die Theorie aus. Trotzdem sollte man ein Konzept haben, wie man Pointen, Exkursionen, Retrospektiven etc. günstig verteilt.

Anregung:
Versuchen Sie doch einmal, ein Prosawerk, das Ihnen gut bekannt ist, nach den folgenden Kriterien zu analysieren:
Der Autor ist Beobachter und  schreibt in der 3. Person oder nimmt als Erzähler in der 1.Person am Geschehen teil. Können Sie sich vorstellen, der Autor hätte sich jeweils anders entschieden – wie wäre wohl die Wirkung gewesen?
Finden Sie heraus, bei welchen Gelegenheiten  der Autor die Zeitebenen wechselt: Vergangenheit > Gegenwart, Gegenwart > Zukunft
Ist der Schreibstil mehr episch oder wortkarg: Können Sie den Vorzug des einen oder des andern  erkennen?
Ist der Inhalt vorwiegend Erzählung oder mehr reflektierend?
Mit welchen Kunstmitteln gelingt es dem Autor (oder was hätte er besser machen können!), Spannung in den Handlungsablauf zu bringen?  

4. Stoffsammlung und Recherchen
Vor dem Preis kommt der Schweiß. Wenig Begnadeten gelingt es, einfach aus dem Handgelenk eine tolle Geschichte hinzuschmeißen. Weder Goethe noch Kafka waren die Typen, die das konnten oder auch nur wollten. In Wirklichkeit geschieht nichts aus dem Stand. Das Hirn kann nur etwas wiedergeben, was es in irgendeiner Form einmal aufgenommen hat. Wie der Stoff im gegebenen Fall literarisch verarbeitet wird, das geschieht über komplexe Prozesse unterhalb der Bewußtseinsebene, von denen wir nichts wissen. Wir sprechen von Begabung. Wer mit einer regen Phantasie gesegnet ist und scheinbar mühelos zu fabulieren versteht, hat den Urstoff dazu ebenfalls über seine Sinne erworben. Daran führt kein Weg vorbei. Der kreative Literat lebt von der Fülle der Sinneseindrücke: Rege Teilhabe am Leben, nicht Rückzug in ein stilles Gehäuse ist die Devise. Vorsicht bei Vielschreibern: Ist es nicht derselbe Teebeutel, der immer wieder für neue und immer dünnere Aufgüsse herhalten muß? Auch unter bekannten Namen finden sich Versager. Gegenbeispiel: Graham Greene hat viel geschrieben, aber er hat auch die ganze Welt bereist. Er ist immer unverwechselbar Graham Greene, sein Tee jedoch schmeckt nie schal.

Wer fest vorhat, einmal zu schreiben, ist gut beraten, lange vorher schon Beobachtungen und Ideen zu notieren, vielleicht auch in eine lose Ordnung für künftige Projekte zu bringen. Solche Notizen führen eine Art Eigenleben: Sie vermehren sich auf wunderbare Weise. Denn das Hirn ist jetzt auf Literatur programmiert. Der Autor wird schärfer und gezielter beobachten, wird Zusammenhänge herstellen, allmählich nimmt das Sujet Form an. Einiges wird aussortiert, ein Zurück aber gibt es nicht mehr. Es kommt auch Schaffensfreude auf und die Neugier, wie es wohl weiter gehen mag. Liegt das Konzept fest, dann muß bei längerer Prosa der Stoff  regelrecht verwaltet werden, damit der Überblick erhalten bleibt. Eine straff gegliederte Struktur  in Kapitel und, je nach Stoffmenge, Unterkapitel (Schubfächer für den Stoff) ist unerläßlich.

Man kann sich, zum Nutzen auch für künftige Projekte, einen Vorrat an literarischen Elementen zulegen. Beispiele: Listen aller möglichen Lichterscheinungen, Geräusche, Gerüche. Manche Wörter haben so etwas wie einen poetischen Glanz an sich – diese sollte man, wenn sie einem spontan einfallen, gleich notieren. Zuweilen fallen  kraftvolle Wörter dem Modetrend zum Opfer. Man tut an der Sprache ein gutes Werk, wenn man sie benutzt. Das gleiche gilt für Dialektwörter, die über einen lokalen Bereich hinaus verstanden werden und sich lautlich gut einpassen. Ist das Werk im übrigen gut geschrieben, darf sich der Autor – stets ja auch ein Mitschöpfer der Sprache – einige Kühnheit schon erlauben. Bei einer mehr epischen Erzählweise muß er der statischen Schilderung von Schauplätzen, Personen, trivialen Geschehnissen etc. Aufmerksamkeit schenken. Soll die Schilderung nicht lustloses Beiwerk sein – das man dann besser vermiede – muß das Potential einer plastischen Sprache ausgeschöpft werden, um eine atmosphärische Dichte zu schaffen, die den Gegenstand zu etwas Einzigartigem macht. Andererseits, jede Übertreibung kann die Schilderung zuschanden machen. Was sich empfehlen läßt: als gelegentliche Fingerübung Schilderung von Szenenbildern (willkürliche Beispiele: Markttag; Melancholie einer Landschaft; Friedhof im November; Dämmerung einer Winterlandschaft; Einheimische in einem Wirtshaus…)

Inhaltlich anspruchsvolle Prosa kommt um spezifische Recherchen nicht herum. Das gilt mit hohem Aufwand in jedem Fall für historische, biographische, politische, technische Romane. Dem Notieren von Beobachtungen und Einfällen gesellt sich dazu die bewußte Erforschung von Sachverhalten (s. Authentizität im nächsten Kapitel). Recherchen können sich auf die Lektüre von Sachliteratur beschränken, im andern Fall aber auch das mühsame Stöbern in Archiven, den Besuch von Museen oder Kunstgalerien, Reisen zu entlegenen Schauplätzen, Interviews von Personen erfordern.  

Anregung:
Wenn Sie schon auf ein oder mehrere eigene literarische Werke zurückblicken können, dann lassen Sie uns doch ein wenig an Ihrer Arbeit teilnehmen. Wie kommen Sie zu Ihrem Stoff?

5. Authentizität und Fiktion
Nicht zu kümmern braucht sich der Autor um das Problem der Authentizität, wenn die Story völlig frei erfunden ist: Es existieren keine Verbindungen zu realen Schauplätzen, Personen, Ereignissen. In allen anderen Fällen muß man sich einige Gedanken machen. Hierbei ist zu differenzieren, um welche Art von Prosa es sich handelt:

Eine Dokumentation sollte alle Ansprüche an literarische Qualität erfüllen,  erlaubt auch durchaus Reflexion und Wertungen, ist darüber hinaus jedoch zu unbedingter Faktentreue verpflichtet. Meistens muß der Autor  aus einer großen Masse von Fakten auswählen – und zwar neutral, darf jedoch nichts Erfundenes hinzufügen. Sind Fakten unsicher oder mehrdeutig, sollte das angezeigt werden (ggf. durch Fußnoten). Nun werden Fakten in der Regel nicht aneinander gereiht, sondern in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Daraus resultiert übergeordnet die Forderung nach Objektivität. Als Dokumentation sollten auch Biographien und – im Prinzip – Autobiographien gelten.
Nach einer wahren Begebenheit heißt es – und doch ist das Werk ein Roman, weil die Fiktion die dünne Realität mehr oder weniger aufpäppelt. Hier werden Fakten hinzu gedichtet, aber auch Emotionen, Reflexionen, Dialoge in die Handlung eingebracht. Das ist legitim, und solange nicht der Anspruch auf Authentizität erhoben wird, gelten ausschließlich die Qualitätsnormen des Literaturschaffens. Ob man die Authentizität beim Namen nennt oder aber Namen verschleiert, darauf wurde im Vorhergehenden Bezug genommen. Statt nach einer wahren Begebenheit sollte vielleicht mit einem Hinweis keine Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen… etc möglichen Komplikationen vorgebeugt werden.
Belletristische Werke mit geschichtlichen Inhalten sind stark an authentische Schauplätze, Personen, Geschehnisse gebunden. Sie sollen authentisch wirken, denn darauf beruht ihre Überzeugungskraft. Es reicht nicht hin – wie in der historischen Trivialliteratur üblich – sich mit ein paar plakativen Versatzstücken aus dem Geschichtsunterricht zu behelfen. Was Authentizität suggeriert, sind unverwechselbare, für Zeit und Ort typische Details aus dem historischen Alltag. Statt von Authentizität sollte man besser von Wahrheitsgehalt sprechen (s. Thema Ansprüche des historischen Romans)
Im allgemeinen wird dem Leser eines Romans dessen Autor persönlich nicht bekannt sein. Er kommt ihm auch nicht näher, wenn er sein Werk liest. Deshalb ist für den Leser die Frage, inwieweit sich der Erzähler mit seiner Geschichte wohl identifizieren mag, ohne Relevanz. Auch der Autor  hält auf Distanz zum Leser, obwohl er doch in der Regel aus den vielfältigen Erfahrungen seines Lebens das Werk schafft, sei es aus der Realität selbst, sei aus Wunschformen des Daseins. Er tut es mehr oder weniger engagiert, in der heimlichen Rolle des Protagonisten oder als einfühlsamer Zeuge, z. B. bei historischen Stoffen. Trotzdem gibt  er  seinen Anteil an der Authentizität der Geschichte nicht preis. Der Grund könnte trivial sein: Das Werk ist vollendet, es nimmt nun in seinem Leben den Platz vergangener Inhalte ein. Authentizität hat keine Bedeutung mehr für ihn. Das Ausmaß, in dem  persönliches Erleben und Empfinden des Autors in das Werk eingegangen, mag sich  widerspiegeln in dem Vergnügen, das den Leser bei seiner Lektüre begleitet.

Anregung:
Gelegentlich hört man von Literaten, die nicht gerne über ihr Werk sprechen. Es wurde hier ein möglicher Grund genannt: Eine Art Erschöpfung durch das Werk, nicht allein durch die Mühsal des Schreibens, vielleicht auch durch die Umstände der Publikation. Das Leben des Autors ist weitergegangen, hat das letzte Werk inzwischen hinter sich gelassen. Bei bekannten Schriftstellern, im satten Gefühl, es 'geschafft'  zu haben, gehört die spezifische Unlust sich zu äußern vielleicht auch zum Styling. Sie sind arrogant und reden nicht mit jedem: Thomas Bernhardt, Saramago, die Liste ist lang und beginnt spätestens mit Goethe (wie von Heinrich Heine trefflich dokumentiert), wahrscheinlich aber schon mit Juvenal. Denkbar wäre auch: Der Literat gibt sich zugeknöpft, weil ihm Fragen nach der Authentizität des Werks lästig wären. Könnten Sie sich vorstellen, daß letzteres bei Ihnen eine Rolle spielte, wären Sie der Autor?
[Dieses Thema tauchte bei dem Treffen von SIGNAThUR vom 3. Februar 2007 auf]

6. Alltag des schöpferischen Tuns
Nun beginnt der Ernst des Schreibens, hat wahrscheinlich schon begonnen, auch wenn Sie mit dem Konzept, den Recherchen, der Materialsammlung vielleicht noch lange nicht fertig sind. Der Autor führt nun eine Art Doppelleben. Die Freuden und Verdrießlichkeiten seines bisherigen Alltags bleiben ihm wie ein Rentenanspruch erhalten, hinzu kommen jetzt jedoch die Gipfel und Abgründe seiner literarischen Arbeit. Das schlimmste Szenarium ist zugleich das einfachste: Er sitzt schon eine halbe Stunde vor einem blanken Blatt Papier und weiß nicht weiter. Niemand kann Ihnen jetzt konkret helfen, den Weg müssen Sie ganz allein gehen. Hier noch ein paar freundschaftliche Hinweise aus leidvoller – und immer wiederkehrender – Erfahrung. Es gibt objektive Umstände, die für das kreative Schaffen kontraproduktiv sind, zum Beispiel:

Bedürfnis nach Schlaf am Schreibtisch. Dem sollte man auf einem Sofa nachgeben, obwohl es vielleicht nur die Folge von nervlicher Anspannung, weniger echter Schlafmangel ist. Eine halbe Stunde reicht vermutlich zur Regeneration.
Das Schreiben steht in augenblicklicher Konkurrenz mit anderen Arbeiten, die sich vordrängen (im Haushalt, Briefe beantworten, etwas Ordnung am Arbeitsplatz schaffen, damit nicht immer derselbe Zettel gesucht werden muß). Diese zuerst erledigen.
Etwas, das man zuletzt oder auch früher zu Papier gebracht hat, gefällt einem nicht recht. Sich vornehmen und korrigieren oder neu schreiben.
Die Stoff-Fülle ist nicht hinreichend systematisch geordnet, sie verwirrt mehr, als daß sie den Fluß der Erzählung vorantreibt. Bei längeren Prosawerken wird man immer wieder  Stoff umgruppieren müssen. Der rote Faden darf einem nicht aus der Hand gleiten.  
Es fällt einem ohne spürbaren Grund nichts ein. Dann hilft vielleicht das Anwärmen. Man liest einige Seiten in einem Roman, der in der Diktion dem eigenen Werk nahe kommt. Im allgemeinen springt nach der Lektüre die Kreativität, die ja nur blockiert ist, wieder an.
Stockt die Kreativität, würde ein Arzt einen Spaziergang empfehlen. Ersprießlicher ist womöglich ein Besuch im Kaffeehaus (mit Notizheft): Eine Veränderung des Ambientes ist hilfreich, um die mentale Erstarrung zu lösen.
Es scheint so: Gerade das allererste Wort ist schwierig niederzuschreiben auf dem blanken Blatt Papier. Der Bleistift oder der Finger am Keyboard bewegt sich einfach nicht. Dann schreiben wir etwas anderes: Liebe Lisbeth…. Wir tun so, als wollten wir einen Brief schreiben – vielleicht ist ja gerade einer fällig. So kommen wir ins Schreiben und können –  ohne auf unsere eigentliche Absicht fixiert zu sein – vom Alltäglichen auf unser Projekt zu sprechen kommen, als beobachteten wir uns selbst.
Gerät die chronologische Fortsetzung der Erzählung ins Stocken, so versucht man an anderer Stelle einzusteigen, wo der Zugang zur Handlung einfacher erscheint – das heißt also: wo das Weiterschreiben mehr Spaß macht. Man kommt dann wenigstens voran. Der Autor kann sich auch Elementen des geplanten Textes zuwenden, die von der Handlung unabhängig sind und später nahtlos eingefügt werden, zum Beispiel Reflexionen oder Beschreibungen von Schauplätzen, Personen, Ereignissen etc.

Anregung:
Möchten Sie gerne selbst schreiben? Nein – warum nicht?
Sie möchten  doch – warum tun Sie es dann nicht?
Sie tun es – kennen Sie trotzdem den Horror vor dem blanken Blatt Papier, das darauf wartet, daß Sie endlich anfangen? Wie schaffen Sie es schließlich?
Sie kennen den Horror vor dem blanken Papier gar nicht? Dann bitte erzählen Sie uns darüber!

7. Überarbeitung der Rohfassung
Ob das Schreiben von Literatur lehrbar sei, läßt sich recht einfach beantworten: Ganz gewiß, als Fortsetzung der Deutschstunde, sozusagen über die Oberklasse hinaus. Einfallsreichtum freilich, und was jemand aus Ideen letztlich macht – das läßt sich wohl nicht einfach lehren. Kreatives Literaturschaffen beginnt erst jenseits des Lehrbaren. Daher ist die gelegentlich aufflackernde Kontroverse, soll man die Kunst des Schreibens zu einem Lehrfach machen oder nicht, ohne Sinn. Es wäre schon sonderbar, würden sich Literaten als einen Magischen Zirkel begreifen, der gewöhnlichen Sterblichen die Kunst des Schreibens vorenthielte. In Nordamerika waren Schreibschulen schon vor Jahrzehnten etabliert (prominente Schülerin: McCullers).

Daß auch Literaten hin und wieder gegen die handwerklichen Regeln des Schreibens sündigen, hat nichts mit Mangel an Kreativität zu tun. Manche müssen ihr Handwerk noch gründlicher lernen, andere von eingefahrenen Sprachgewohnheiten ablassen. Schließlich aber wird die erste Version ja nicht gedruckt, auch die zweite und dritte nicht, sondern mit Aufmerksamkeit und Ruhe überarbeitet. Die Arbeit besteht im Streichen, Einflicken, Ersetzen, Umstellen, wofür es keine starren Regeln gibt. Entscheidend ist letztlich das Sprachgefühl: Wie liest sich der Text? Gibt es Längen oder sind einigen Passagen für das Verständnis zu kurz geraten? Wird die gewünschte Wirkung erzielt – nämlich Spannung und ästhetisches Behagen? Worauf ist im einzelnen zu achten:

Regiefehler wie: Inkonsequenz in Schreibweise bei Auswahlmöglichkeit; Wiederholungen; unsaubere Grammatik; Unstimmigkeiten in Schauplätzen, Personen, Ereignissen; Brüche in der Handlung; exzessiver Gebrauch von Kunstmitteln.
Wortstellung in längeren Sätzen bei Auswahlmöglichkeit: Soweit nicht festgelegt durch die Notwendigkeit von sinngebender Betonung, bestimmt die Satzmelodie die Wortstellung: Glatter Sprachfluß beim Lesen, optimale Verständlichkeit.
Begrenzung der Satzlänge: Keine den glatten Sprachfluß hemmende Überfrachtung. Schachtelsätze vermeiden. Im allgemeinen kürzere Sätze längeren vorziehen. Im übrigen bestimmt die gesamte zugehörige Textpassage die Länge des Satzes. Ausnahme: Ein langer Satz kann als Kunstmittel zur Steigerung von Tempo und damit Spannung oder emotionaler Erregung eingesetzt werden. Eigentlich handelt es sich hier um mehrere separate, jedoch demselben Gegenstand zugeordneten Sätze, die durch Kommas statt durch Punkte miteinander verbunden sind.
Gebrauch von Adjektiven: Adjektive sind keine schmückenden Füllwörter, sondern erläutern oder erweitern den Informationsgehalt des Hauptworts, oder aber steigern die emotionale Spannung. Sofern die Verwendung in diesem Sinne gerechtfertigt ist, verwendet man ein passendes Adjektiv. Als Kunstmittel können auch mehrere Adjektive aneinander gereiht werden, wenn damit ein erheblicher Zuwachs an Information oder aber emotionaler Spannung erreicht wird. Synonyme Adjektive, wenn auch nicht völlig deckungsgleich, sind hierfür ungeeignet (Beispiele: tückisch-arglistig / einfältig-töricht / gutherzig-gutmütig).
Gebrauch von Relativsätzen: Relativsätze, insbesondere jene, eingeleitet durch die Konjunktionen daß oder ob, wirken schwerfällig und sollten nur sparsam geduldet werden. Wenn möglich, Ersatz durch andere Konstruktionen. In dem Sinne, daß ein maximaler Effekt in der Darstellung mit einem Minimum an sprachlichen Aufwand erreicht werden soll, ist auch die etwaige Entbehrlichkeit von Relativsätzen kritisch zu prüfen.
Wortwahl: Durch Sprachgewohnheiten gelangen unbewußt verallgemeinernde oder auch abgegriffene Wörter in den Text. Diese sind um einer plastischen Sprache willen nach Möglichkeit durch spezifischere bzw. weniger gebrauchte Synonyme zu ersetzen. Im übrigen sperrt sich der gepflegte Sprachsinn gegen alle Arten von ausgeleierten Wendungen.
Wortwiederholung: In unmittelbar folgenden Sätzen nach Möglichkeit zu vermeiden. Ersatz durch ein identisches Synonym läßt die Absicht erkennen und sollte unterlassen werden. Man kann die Flucht nach vorne antreten, und das Wort mehrmals in Folgesätzen wiederholen: Dann ist dieser Trick, der durch die Betonung das Wort als bedeutsam herausstellt, ein Kunstmittel.
Zielgenauigkeit: Wird mit der geschriebenen Passage sprachlich genau das ausgedrückt, was ich gemeint habe? Würde ich als Leser das so verstehen?
Logik: Folgen die Sätze einer Passage einer unanfechtbaren Logik?
Stimmigkeit: Ist der Text einer Passage in sich stimmig, d.h. passen alle Elemente zueinander?
Dichterische Freiheit: Strenge Beachtung grammatikalischer Regeln kann zu Schwerfälligkeit führen. Der Satz hält dann nicht wie eine zu weit gespannte Brücke. Das ist der Fall, wenn ein zusammengesetztes Verb über die gesamte Satzlänge in Stamm und Vorsilbe (an, auf, durch, über etc.) getrennt wird. Hierüber muß man sich notfalls hinwegsetzen und die Vorsilbe früher bringen. Eine Last ist der Konjunktiv bei der indirekten Rede. Da sie ein unverzichtbares Stilmittel ist, sollte man nach erstmaliger Anwendung den Konjunktiv über Bord werfen und ihn beim letzten Satz noch einmal bringen.
Glatteis-Themen: Über alles läßt sich schreiben, auch über Politik, Religion, Sex, wenn dies mit den Mitteln der Literatur geschieht. Themen dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Pamphlete, Traktätchen, Pornohefte sind keine Literatur, ebenso wenig Luthers 92 Thesen oder das Kommunistische Manifest von 1848. Die Verführung ist besonders gefährlich bei politischen Sujets. Aus unerfindlichen Gründen – aber niemand hat das je hinterfragt – fühlt sich mancher Schriftsteller berufen, in der Politik mitzumischen. Er läßt sich dabei zu frontalen Stellungnahmen hinreißen, wozu auch die ungenierte Nennung von Namen gehört. Ein politisierendes Buch müßte nicht unbedingt literarisch minderwertig sein. Aggressive, bekennende, larmoyante Passagen verderben jedoch den Geschmack des Werks. Nur Parteigänger werden es verschlingen.

Anregung:
Wenn Sie Ihren nächsten Roman lesen – wäre es nicht interessant, einmal darauf zu achten, was Ihnen vielleicht an dem Werk nicht gefällt? Und: hätten Sie einen Vorschlag, was man besser machen könnte? Literaten wohnen nicht auf dem Olymp, man darf ihnen schon mal auf die Finger sehen.

8. Was uns im Innersten dazu treibt…
Wenn wir die Frage so stellen, lautet die Antwort: Wir wissen es nicht. Daß wir schreiben, daß es überhaupt Kunstschaffen gibt, daß wir gar nicht anders können, als kreativ tätig zu sein, daß offenbar alle Menschen dieses Bedürfnis in irgendeiner Form verspüren – das zählt zu den großen Welträtseln, die wir a priori in unserer dreidimensionalen Beengtheit nicht zu entschleiern vermögen. Man kann freilich die Frage ein wenig einfacher stellen: Wie kam ich zum Schreiben? Wie waren die ersten Regungen? Gab es in meiner Kindheit oder Jugend schon Anzeichen, die ich jetzt als Erwachsener als den Nukleus meiner literarischen Obsession begreife?

Anmerkung:
Wie kam ich zum Schreiben und wie ging es weiter? Sie können uns bestimmt eine unterhaltsame Geschichte erzählen.

Empfehlenswerte Literatur
Romane und Kurzgeschichten schreiben / Alexander Steele / Autorenhaus Verlag Berlin
Was wäre, wenn – Schreibübungen für Schriftsteller / A.Bernays und P.Painter / Alexander Verlag Berlin
Stilkunst / Ludwig Reiners / C.H.Beck oder antiquarisch
Werkstattgespräche mit Schrifstellern /Horst Bienek / antiquarisch
Kleine deutsche Stilistik / E.L.Kerkhoff / antiquarisch
Theorie des modernen Romans / Karl Migner / antiquarisch

 

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1958 schien es so weit zu sein – und Werner Heisenberg traute man es schon zu: Die Entdeckung der WELTFORMEL. Er stand an der Tafel, und da las man eine ziemlich einfach anzuschauende – und ästhetisch schöne – Kombination von wenigen Symbolen. Es waren griechische Buchstaben, sie bezeichneten sogenannte Operatoren, hinter denen sich freilich eine komplexe Mathematik mit ihren Rechenvorschriften verbarg. Χ (Chi), beispielsweise, stand für die gesamte Materie, aus der Heisenberg alle Elementarteilchen herleiten wollte.  Ordnung tat not:  Die Quantenphysiker wurden aus ihren Teilchenbeschleunigern mit einer immer größeren Anzahl atomistischer Partikel bombardiert (vulgo: Teilchenzoo). Akribisch vermaß man deren wenige Eigenschaften: Masse; Ladung; Spin; Energie; Zerfallszeit; Zusammensetzung. Der weit überwiegende Anteil der massereichen Teilchen war aus kleineren Einheiten aufgebaut. Je komplexer der Aufbau eines Teilchens, um so kürzer schien seine Zerfallszeit. Spektakulär war 1963 der Nachweis eines relativistischen Effekts bei Myonen (Myon: schweres Elektron, mit 200-facher Masse). Sie finden sich in der Höhenstrahlung, dürften wegen ihrer kurzen Zerfallszeit die Erde eigentlich nicht erreichen. Da sie sich jedoch mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durchs All bewegen, unterliegen sie der Zeitstreckung und lassen sich somit auf der Erde registrieren.

Das Chaos des Teilchenzoos fand also sein Ende. Man machte neue Entdeckungen, mußte wieder umdenken, und der quantenmechanische Mikrokosmos - wie das Universum, der Makrokosmos -  wurden immer rätselhafter. Um nicht zu sagen: bizarrer. Von Demokrit (460-371) bis Dalton (1766-1844) war die kleinste und unteilbare Einheit der Materie das Atom. 1896 entdeckte Antoine-Henri Becquerel die Radioaktivität: Er fand Leuchtspuren von Uran auf Photopapier. 1919 gelang Ernest Rutherford die erste Atomumwandlung: Er beschoß Stickstoffatome mit Heliumkernen (α-Teichen) und erhielt, bilanzmäßig korrekt, Sauerstoff und Wasserstoff. 1938 wurde zufällig von Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt: Durch Beschuß von Uran(235) mit Neutronen zerbrach dieses, bilanzmäßig korrekt, in Barium und Krypton (auch andere Kombinationen wurden verifiziert) – wobei in doppelter Anzahl Neutronen produziert wurden (Kettenreaktion). Es war also schon länger bekannt, daß das Atom nicht mehr das kleinste Elementarteilchen war. Man wußte, es besteht aus einem Kern aus positiv geladenen Protonen und ladungsfreien Neutronen. Der Kern ist umgeben von einer Hülle aus negativ geladenen Elektronen, die auf sphärischen Schalen kreisen. Exakt so viele wie nötig, um die positive Ladung des Kerns zu neutralisieren. Eine bestechende Idee: Elektronen umkreisen den Atomkern wie Planeten die Sonne – und daraus resultiert das wunderbare Bohrsche Atommodell, aus dem sich die (anorganisch)-chemischen Reaktionen herleiten. Es ist für die Didaktik in der Chemie nach wie vor unentbehrlich.

In der theoretischen Physik führt das Modell, aus der Nähe betrachtet, leider zu Widersprüchen. Es verweigert uns Antworten auf einem völlig anderen quantenmechanischen Niveau. Es fällt auf: Von chemischen Reaktionen ist nur im Zusammenhang mit dem Bohrschen Atommodell die Rede. Nuklearreaktionen sind etwas prinzipiell Verschiedenes. Sie sind chemisch überhaupt nicht beeinflußbar. Als existierten zwei Paralleluniversen nebenher: Ein physikalisch-chemisches und ein quantenphysikalisches. Deswegen ist auch die mittelalterliche Goldmacherei nie gelungen: Mit Chemie kann man nicht ein Element in anderes verwandeln, nur jeweils Verbindungen des einen oder des andern. Nukleartechnisch möchte die Goldmacherei funktionieren – fragt sich nur, zu welchen Kosten?
Wie ist es gelungen, mit dem Spuk des Teilchenzoos fertig zu werden? Ganz einfach: So ging das nicht weiter! Natürlich hatte man längst einen Verdacht: Da sind Kräfte mit im Spiel, die wir nicht kennen, und vielleicht auch unbekannte Materie – sind das denn überhaupt unsere wirklichen Elementarteilchen:  Protonen und Neutronen, und der ganze Schwarm an Mesonen, Myonen, Pionen – das Volk der Teilchenbeschleuniger? Wie soll man sich die Packung von 92 positiv geladenen Protonen auf engstem Raum erklären – diese zusammen zu halten, zu neutralisieren, das schaffen doch nicht 92 mickerige Elektronen auf einer – nach atomaren Maßstäben – himmelweit entfernten Hülle.

Zum weiteren Verständnis müssen wir uns ein wenig mit dem Standardmodell der Elementarteilchen befassen, das an die Stelle des Teilchenzoos trat. Es ist ein wohldurchdachtes Modell, das den empirischen Erkenntnissen Rechnung trägt. Es ist dennoch ein Provisorium, das noch gar nichts über die Dunkle Materie aussagt – diesen geschätzten 90 % der gesamten Masse des Universums. Auch die Gravitation wird ignoriert, sie scheint nicht in die Welt der Teilchen/Quanten zu passen. Selbst das jüngste, lang gesuchte Higgs-Teilchen läßt sich noch nicht sicher einordnen. Das Standardmodell, wiewohl von der Willkür zahlloser Teilchenspezies bereinigt, erscheint noch immer ziemlich komplex. In den Teilchenbeschleunigern laufen Nuklearreaktionen ab, die in der Quantentheorie eine Rolle spielen – nicht jedoch in der Natur, die unseren Lebensraum erfüllt. Wir wollen uns auf das Naheliegende beschränken, auf das Unverzichtbare zu einem Grundverständnis unserer Welt. Dazu gehört auch, daß wir alle wesentlichen Objekte unserer Ausführungen eindeutig definieren und jeweils nur einen einzigen Begriff verwenden. Es ist eine Unsitte unter den Fachgelehrten, beispielsweise den Energieträgern der Wechselwirkung zwischen Materieteilchen sieben verschiedene Namen zu geben: Eichbosonen, Austauschbosonen, Austauschteilchen, Botenteilchen, Trägerteilchen, Kraftteilchen, Wechselwirkungsteilchen. Dem unbefangenen Leser wird das Verständnis der Materie erschwert, indem ein semantischer Wirrwarr Kompliziertheit vortäuscht.  Wir werden konsequent den Term Austauschteilchen verwenden.

Wir unterscheiden heute an Elementarteilchen:
A. Fermionen als Repräsentanten der Materie-Teilchen, die sich durch den Raum unterhalb der Lichtgeschwindigkeit bewegen. Fermionen haben einen halbzahligen Spin. Bekannteste Vertreter: Elektronen und die Quarks (Elementarbausteine von Protonen und Neutronen).

B. Bosonen als Repräsentanten der Energie-Träger, die sich als (theoretisch) masselose Wechselwirkungskräfte mit (theoretisch) Lichtgeschwindigkeit über elektromagnetische Felder ausbreiten. Sie reagieren mit den materiellen Fermionen. Man nennt sie daher auch (virtuelle) Austauschteilchen. Bekannteste Vertreter: Photonen. Bosonen besitzen definitionsgemäß keine Masse (s. jedoch Elektroschwache Wechselwirkung) und haben einen ganzzahligen Spin.  

Beim Spin müssen wir wieder einmal umdenken. Spin (engl. Drall) leitet sich von dem Eigendrehimpuls von Teilchen her. Diese Bedeutung kommt ihm nicht mehr zu bei den dimensions- und masselosen fundamentalen Elementarteilchen. Es handelt sich letztlich um einen Quanteneffekt. Die Maßzahl des Spins ist ein Charakteristikum einer Teilchengruppe, so bei den Fermionen Elektron, Neutrino, Quark ½ Һ, bei den Bosonen Photon, Gluon, W-und Z-Boson 1 Һ. Mit Һ wird das reduzierte Plancksche Wirkungsquantum h/2π bezeichnet. Die Notwendigkeit der Einführung des Spins als Konstituente der Atomphysik ergab sich aus Diskrepanzen bei Beobachtungen der Atomspektren. Etwas später bemerkte man eine Anomalie in der spezifischen Wärme von Wasserstoff, die sich mit Einführung des Spins überwinden ließ. Das Beispiel des Spins ist lehrreich: Wie man auf Diskrepanzen bei einem an sich attraktiven physikalischen Modell reagiert. Man führt auf Bewährung sinnvolle Parameter ein, und wenn die Ergebnisse dann schlüssig ausfallen, hat man das Problem zunächst einmal gelöst. Beim Spin  waren es halb- und ganzzahlige Werte, die das Modell befriedigten. Das spricht für das Vorliegen eines systematischen Fehlers, nicht einer bloßen Abweichung von den erwarteten Ergebnissen.

Nach der Einsteinschen Formel E=mc² ist Materie in Energie vollständig umwandelbar – und umgekehrt: So wird in einem Teilchenbeschleuniger, etwa dem LHC (Large Hadron Collider), ein Partikel auf eine enorm hohe Energie beschleunigt, damit sich bei Kollisionen ein massereiches Teilchen bilden kann, beispielsweise das Higgs-Teilchen.

In der Einsteinschen Formel (E=mc², wobei  E= Energie; m=Masse; c= Lichtgeschwindigkeit) spiegelt sich die  alte Kontroverse Newton-Huygens wider: Wie kann sich ein Lichtstrahl wie ein Strom von Materieteilchen verhalten und gleichzeitig als Welle auftreten, die sich über die besondere  Feldstruktur des Raums mit Lichtgeschwindigkeit als immaterielle Kraft bis in unendliche Fernen fortpflanzt? Auf einen wesentlichen Unterschied zwischen Fermionen und Bosonen sei hingewiesen. Fermionen besitzen eine einmalige Individualität: Zwei Fermionen mit identischen Eigenschaften können nicht im selben (atomistischen) Raum existieren. Bosonen dagegen besitzen keine Individualität. Sie sind stets austauschbar. Sie verlieren ihre Identität sogar, wenn sie nur ihre Bewegungsrichtung ändern. Und sie treten in makroskopischen Quantenzuständen in kompakter Dichte auf, etwa in einem Bose-Einstein-Kondensat.

Wir erlauben uns einen kleinen Umweg über die Aggregatzustände der Materie, die im quantenmechanischen Bereich so fundamental unterschiedlich sind, verglichen mit unserer gewohnten makroskopisch-physikalischen Umgebung. Das Bose-Einstein-Kondensat bedeutet jedoch eine Brücke zwischen beiden Welten. Wir haben es konservativ mit drei Formen kinetischer Energie zu tun: Transversale freie Bewegung, Rotation um die eigene Achse, Oszillation – d. h. Schwingung um Gitterpunkte, wobei die Energie nach Art des elastischen Stoßes über ein Gitterfeld transportiert wird. Wir unterscheiden drei stabile – d. h. im Gleichgewicht befindliche – Aggregatzustände (a – c):

a) Festkörper von kristalliner Struktur. Sie sind schwer verformbar, ihre kinetische Energie resultiert hauptsächlich aus der Oszillation (Schwingung) der Gitterbausteine. Positionsveränderungen wie auch Anregung der Eigenrotation stellen sich ein bei Zufuhr von Wärmeenergie. Die Heisenbergsche Unschärferelation fordert auch im Grundzustand eine minimale Schwingung (Nullpunktsfluktuation).

b) Flüssigkeiten mit bedingter Struktur. Sie sind verformbar, d. h. nehmen die Form der Gefäße an, die sie beinhalten, sind de facto jedoch inkompressibel. Die Moleküle gruppieren sich, sind im Verband frei beweglich. Mit zunehmender Temperatur verliert sich diese Ordnung. Die kinetische Energie resultiert aus der Eigenrotation und lokaler Oszillation. Amorphe Feststoffe (also ohne Kristallstruktur), wie Glas, zählt man zu den Flüssigkeiten.

c) Teilchen in gasförmigem Zustand. Sie können sich in allen Richtungen frei bewegen. Sie sind praktisch unabhängig voneinander. Sie gewinnen ihre kinetische Energie ausschließlich aus der Translation. Während jedoch bei kristallinen Festkörpern zwischen den Gitterbausteinen (röntgenspektroskopisch detektierbar) und dem makroskopischen Erscheinungsbild (physikalische Messungen) eine Relation besteht, gilt das nicht für ein Ensemble von gasförmigen Teilchen.  Der kausale Zusammenhang ist hier nicht mehr klassisch zu sehen: Unsere thermodynamischen Messungen von Druck, Volumen, Temperatur (Allgemeine Gasgleichung) sind nicht ableitbar aus dem Verhalten einzelner Gasmoleküle.

d) Überkritischer Zustand. Während wir im Vorhergehenden Systeme im chemischen/physikalischen Gleichgewicht betrachteten, kennt die Wirklichkeit auch metastabile Zustände außerhalb des Gleichgewichts. Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik – der Entropiesatz – wird von der Realität oft genug ausgehebelt. Das bedeutet immer, daß das System ein erhöhtes Energiepotential beinhaltet, dessen Umwandlung in kinetische Energie und damit in den Zustand des Gleichgewichts sich durch Hemmschwellen verzögert. Bei Phasenübergängen Dampf/Wasser oder Lösung/Feststoff hat man in der Praxis immer mit dem Problem der Verzögerung zu tun. Hier ein Beispiel aus der Praxis des Kraftwerksbetriebs:

Der überhitzte Dampf aus dem Kessel treibt die Turbine an und kondensiert am Ende. Über Kondensator, Speisewasserpumpe, Verdampfer, Überhitzer beginnt ein neuer Zyklus.. Kritisch ist der Übergang von der Dampf- in die Kondensatphase. Es genügt nicht, daß der Dampf die thermodynamischen Daten für eine Kondensation erreicht hat – diese muß auch tatsächlich stattfinden. Das bedeutet die Überwindung von Potentialschwellen, die in den thermodynamischen Algorithmen nicht enthalten sind. Man braucht Kondensationskeime: Das sind – ansonsten unerwünschte –  Verunreinigungen, die in einem sauberen Dampf selten anzutreffen sind. In der Praxis hilft die Rauhigkeit der Rohrwand, den Dampf zur überfälligen Kondensation zu zwingen. Analoge Probleme  begegnen einem,  wenn es bei der Wasseraufbereitung um die Ausfällung von Calciumcarbonat aus übersättigten Lösungen geht. Die Verzögerung zwingt unter Umständen zu einer überdimensionierten Auslegung der Fällungsanlage.

c) Wasserstoffplasma.  Um eine nukleare Umwandlung von Wasserstoff (hier: Gemisch der schweren Isotope Deuterium und Tritium) in Helium zu erreichen, muß ein elektrisch leitendes Plasma hergestellt werden. Bis auf Hochvakuum verdünnter Brennstoff wird auf 100-150 Mio Grad erhitzt, wobei sich Atomkern und Elektronen trennen. Der Druck beträgt wegen der geringen Dichte nur wenige bar. Um Abkühlung und damit empfindliche Energieverluste zu vermeiden, muß das Plasma von der Gefäßwand ferngehalten werden. Das geschieht durch magnetischen Einschluß, das heißt Anlegen eines Magnetfeldes, das gegen den inneren Druck des Plasmas gerichtet ist. Die ideale Gefäßform ist der Torus. Der Aggregatzustand von Plasmen ist bei den Nuklearprozessen im All das Übliche (Solar Fire).

d) Bose-Einstein-Kondensat. Unterkühlt man bestimmte Atomsorten bis knapp über dem absoluten Nullpunkt, vermögen sich Stoffeigenschaften plötzlich zu ändern. Bei der Sprungtemperatur findet ein Phasenübergang zu einem makroskopischen Quantenzustand statt, der auch den quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die Teilchen sind Bosonen, die sich zu einem homogenen Ensemble zusammenschließen.  Sie sind einzeln nicht mehr unterscheidbar. Es gibt nur eine Wellenfunktion, Impuls und Aufenthaltsort werden durch die Unschärferelation bestimmt. Sie besetzen das tiefstmögliche Energieniveau. Das ist nur möglich bei ganzzahligem Spin. Aus dem makroskopischen Quantenzustand resultieren Eigenschaften wie Supraleitfähigkeit, Suprafluidität und weitreichende Kohärenz, d.h. gleiche Phasenlänge und gleiche Polarisationsebene. Forschungsziel ist ein effektiver Atomlaser. Bei Supraleitfähigkeit verschwindet der elektrische Widerstand, bei Suprafluidität die innere Reibung. Die Flüssigkeit dringt durch engste Kapillaren. Es gibt keine Entropie,  die Wärmeleitfähigkeit ist unendlich hoch: Es läßt sich kein Temperaturgefälle herstellen.

Fermionen sind heute die fundamentalen Bausteine der Materie.  Sie sind nicht weiter teilbar. Sie sind so klein, daß sie als punktförmig, das heißt: dimensionslos, angenommen werden. Aus quantenmechanischer Sicht repräsentieren sie die Grundzustände energetischer Anregung. Wir kennen sie in zwei Erscheinungsformen:

A Leptonen:  Elektronen (negativ), Positronen (positiv), Neutrinos (geringe Ladung).

B. Quarks:  Bausteine von Protonen (positiv), Anti-Protonen (negativ)  und Neutronen (ohne Ladung) und höherkomplexen Gebilden. Man definiert sechs Typen von Quarks, jeweils Teilchen und Antiteilchen. Die Ladungen betragen +2/3 oder -1/3 einer Elementarladung. Je nach Masse und Komplexität unterscheidet man drei Generationen, von denen nur die erste mit Protonen und Neutronen für uns interessant ist. Die Gattungsbezeichnung Quark hört sich schon albern an (tatsächlich soll das Wort auf einem Freiburger Markt aufgeschnappt worden sein), die Namen der einzelnen Typen von Quarks sind ebenfalls nicht altgriechisch: Up und Down (1. Generation), Charm und Strange (2. Generation), Top und Bottom (3. Generation). Ein Proton setzt sich zusammen aus zwei Ups und einem Down.

Am 14. September 2015 – wie nachträglich zu erfahren war – wurden erstmals Gravitationswellen experimentell nachgewiesen. Also nicht wie bisher hypothetisch oder nur vorhergesagt – nein, es liegen Meßstreifen vor aus zwei unabhängigen Beobachtungsorten in den USA. Müssen wir nicht die Weitsicht der Propheten preisen, die es schon immer wußten – angefangen bei Albert Einstein selbst: Es muß Gravitationswellen geben! Gravitation ist eine von den vier fundamentalen Grundkräften der Natur. Diese sind für die Wechselwirkungen zwischen materiellen Objekten verantwortlich. Sie können auch in Kombination ihre Wirkung entfalten.  Es sind dies, zusammengefaßt:

a) Gravitation (auch Schwerkraft) wurde erstmals von Isaac Newton (1643-1727) als universale Naturkraft gedeutet und in eine mathematische Form gebracht. Sie wirkt anziehend (nicht auch mal abstoßend?) zwischen Objekten, die eine Masse besitzen, und ist von allen Naturkräften die schwächste. Sie läßt sich nicht im Labormaßstab darstellen, jedoch großräumig an Himmelskörpern beobachten. Sie ist verantwortlich für Gestalt und Mechanismus des Universums, für das Schicksal der Sterne im Endstadium (Kollaps und schwarze Löcher) und Verbiegungen der Raumzeit , und somit ein Parameter in der Allgemeinen Relativitätstheorie. Aus ontologischer Sicht sollte die Masse als eine geometrische Eigenschaft des Daseins, nicht des Soseins betrachtet werden. Träger der Gravitation sind hypothetische Gravitonen, die, wie Neutrinos, Materie ohne Wechselwirkung zu durchdringen vermögen. Sie lassen sich daher nicht abschirmen. Sie bewegen sich wellenförmig über Gravitationsfelder und haben eine unendliche Reichweite. Eine Quantenfeldtheorie existiert noch nicht.

B ) Elektromagnetismus hatte seine Geburtsstunde mit der Beobachtung Hans Christian Ørsteds (1777-1851), daß der Magnetismus eine Wirkung auf den elektrischen Strom ausübt. Schon damals fühlte sich die Naturphilosophie herausgefordert, zu dem seltsamen Phänomen Stellung zu beziehen (Schelling, Hegel). Weitere fundamentale Erkenntnisse steuerte Michael Faraday (1791-1867) bei, indem er – ein genialer, autodidaktischer Experimentator - nachwies, daß sich mittels Induktion  bei einer Änderung der magnetischen Felddichte  in einem Draht ein elektrischer Strom erzeugen ließ. Seine weiteren Untersuchungen führten zu den technischen Grundlagen des Elektromotors und des Generators zur Stromerzeugung. James Clerk Maxwell (1831-1879) schuf mit seinen nach ihm benannten Gleichungen das mathematische Modell, mit dem sich – wie sich herausstellte – die Wechselwirkungen zwischen magnetischen und elektrischen Feldern adäquat beschreiben ließen. Die Maxwellschen Gleichungen sind nicht ableitbar, ihre Grundlage ist axiomatisch – wie die Axiome der Euklidschen Planimetrie oder die Postulate der Hauptsätze der Thermodynamik.

Anders als in der Technik, begegnen wir in der Physik dem Elektromagnetismus als elektro-magnetischer Welle. Mittlerweile kennen wir das ungeheuer breite Band des Spektrums, das sich von den hochfrequenten kosmischen Strahlen über das sichtbare Licht bis hin zu den gemütlichen Radiowellen erstreckt. Mögen die Spektralbereiche sich nach ihrem Verwendungszweck noch so deutlich unterscheiden – sie alle bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit, die Fernwirkung reicht (theoretisch) ins Unendliche, und an jeder Energie/Materie-Reaktion ist das Photon (früher auch Lichtquant genannt) als Austauschteilchen beteiligt. Elektromagnetische Wellen sind immer bereit, sich aufgrund ihre Ladung mit der Umgebung auszutauschen. Das unterscheidet sie fundamental von den Gravitationswellen (sie sind auf diesem Ohr sozusagen taub). Insofern sind die Erwartungen an die Erforschung der Gravitation höchst gespannt: Wo sind da Gemeinsamkeiten, wo unüberbrückbare Distanzen? Gemeinsam ist ihnen, daß  sie sich über (mehrdimensionale) Felder ausbreiten.

Zunächst einmal: Was ist ein Feld – und kennen wir Phänomene, die uns den Begriff  Feld etwas näher bringen?  Nun, binden wir ein Seil von einigen Metern Länge an der Wand fest und lassen es zum Spaß schwingen. Bewegt sich das Seil? Ja, die Berge und Täler abwechselnd nach oben und unten – aber das Seil kommt nicht vom Fleck! Oder die Newtonsche Schaukel: Fünf eiserne Kugeln hängen nebeneinander an einer Stange, alle berühren sich auf gleicher Höhe. Nun heben wir rechts die erste Kugel ein wenig an und lassen sie wieder fallen.  Sie trifft auf ihre Nachbarkugel, die sich (theoretisch) überhaupt nicht rührt. Statt dessen saust die letzte Kugel links los, etwa bis zu der Höhe, zu der man die erste Kugel gehoben hat. Nun fällt die fünfte Kugel zurück, gleich saust die erste wieder hoch – nun also die Szenerie in umgekehrter Richtung und sofort – bis in alle Ewigkeit? Theoretisch ja. Praktisch nein. Und naturphilosophisch: nie. Inzwischen haben sich nämlich die drei mittleren Kugeln zusammengetan und schunkeln immer lustiger hin und her – theoretisch unerlaubt, jedoch diszipliniert, nah beieinander wie schon am Anfang. Was lehrt uns die Physik: Wie beim schwingenden Seil wird auch hier etwas bewegt, ohne fortgeschafft zu werden. Was demonstriert wird, das ist der elastische Stoß – jedem Billardspieler geläufig. Es wird keine Materie transportiert, sondern Energie weitergegeben. Die Kugeln, wiewohl aus hartem Stahl, sind trotzdem elastisch genug zu geringsten, zeitweisen Dellen in ihrer Oberfläche. Halt! Das Wort Delle ist falsch. Die Weitergabe der kinetischen Energie von der ersten auf die zweite und von dieser auf die dritte Kugel gelingt ja nur aufgrund einer Rückfederung  von der entgegengesetzten Seite, das heißt, die Kugeln bekommen beim Stoß keine Delle, sondern werden homogen verformt. Eigentlich handelt es sich beim elastischen Stoß um ein makro-quantenmechanisches Phänomen. Beim unelastischen Stoß, etwa zwischen drei Semmelknödeln, gibt es tatsächlich ein Delle, und der angestoßene Knödel denkt nicht daran, seinem Nachbarn auf der anderen Seite einen Rippenstoß zu versetzen, damit er diesen weitergibt. Letztes Beispiel zum Begriff Feld: Ein kleiner Stein fällt auf die völlig glatte Wasserfläche eines Teichs, die dadurch gestört wird. Von der Störstelle breiten sich konzentrisch Wasserwellen aus – theoretisch, bis sie am Rand des Teichs gebremst werden. Dort verwandelt sich der Rest an potentieller (gespeicherter) Energie in kinetische Energie in Form eines leichten Schäumens. Wiederum wird nur Energie – die Energie des fallenden Steins weitergegeben. Begegnet die Welle etwa einem Korken, so wird sie diesen überrollen und unangefochten weitereilen. Materie verändert ihre örtliche Position nicht. Theoretisch! Und jetzt der Einwand: Die Natur kennt keine exakt 100 %. Das wäre ein Grenzwert wie unendlich oder null. Grenzwerte liegen außerhalb unserer erfahrbaren Welt.  99.999… % sind kein Grenzwert. In unseren Beispielen wird immer auch ein wenig Materie in der Richtung der Welle irreversibel bewegt. Deshalb schunkeln die drei mittleren Kugeln immer heftiger, und der Korken auf dem Teich wird irgendwann das Ufer des Teichs erreichen.

Auch in einem Elektromagnetischen Feld wird nur Energie, jedoch keine Materie transportiert – es sei denn, es tritt ein Ereignis ein, nach dem gemäß E = mc² aus dem Nichts Materie produziert wird. Das geschieht niemals vor unseren Augen, aber ständig in Teilchenbeschleunigern. Trotzdem: auch ohne Materie ist der Raum nicht leer. Es gibt die hübsche Anordnung (in unserem Optischen Kabinett zu besichtigen), wo eine Erdkugel frei in der Luft schwebt. Was früher noch eine attraktive Nummer von Illusionisten war (wie die Schwebende Jungfrau), da blicken heute kleine Mädchen und Buben gleich durch: aha, Magnetismus! Als junger Mensch wurde ich zweimal auf härtere Weise belehrt: Nach einer sommerlichen Schneewanderung in den Tiroler Alpen und ein andermal im Liegestuhl an Deck eines Dampfers von Marseille nach Tunis: Ich erlitt einen fürchterlichen Sonnenbrand durch reflektiertes (UV) Sonnenlicht. Ein Raum ist niemals leer. Die Frage lautet nun: Gilt das auch für Gravitationswellen, daß sie ein feldmäßiges Medium zu ihrer Fortbewegung brauchen – oder reicht ihnen die gewaltige Macht ihrer himmlischen Kolosse, die Raumzeit zu verbiegen?

c) Elektroschwache Wechselwirkung wurde 1934 von Enrico Fermi (1901-1954) als fundamentale Naturkraft erkannt. Sie repräsentiert Reaktionen zwischen Teilchen bei radioaktiven Prozessen, so beispielsweise die Emission von β-Strahlen (Elektronen). Von entscheidender Bedeutung ist die Rolle der Schwachen Wechselwirkung bei der Kernfusion, das heißt die Umwandlung von Wasserstoff in Helium. Es sind Umwandlungen innerhalb der  Leptonen oder der Quarks möglich, nicht aber zwischen Leptonen (Elektronen, Positronen, Neutrinos) und Quarks (Protonen, Neutronen, α-Teilchen bei Kernfusion). Als Austauschteilchen wirken Bosonen (z.B. Photonen; treten hier auch als γ-Strahlung auf). Die Reichweite der Schwachen Wechselwirkung ist gering: etwa 10-18 m.

d) Starke Wechselwirkung wurde schon in den 20er Jahren postuliert: Man suchte nach einer Lösung für das Paradox, wie ein Gebilde wie der Atomkern, dicht gepackt mit positiv geladenen Protonen, stabil sein konnte. Es mußte eine sehr starke Kraft existieren, die den Zusammenhalt des Kerns erzwang. Erst in den 70er Jahren, als sich das Standardmodell  der Teilchen herauskristallisierte, wurde auch die Starke Wechselwirkung nachgewiesen. Ihre Reichweite beträgt 10-15 m. Die fundamentalen Elementar-teilchen sind nicht mehr Protonen und Neutronen, sondern Quarks, aus denen sich letztere aufbauen. Protonen und Neutronen sowie ihre Anti-Partner faßt man unter dem Sammelnamen Hadronen zusammen. Die Austauschteilchen der starken Wechselwirkungskräfte sind im Prinzip masselose Bosonen, werden jedoch als Gluonen bezeichnet. Im Hinblick auf die Starke Wechselwirkung schreibt man Quarks wie Gluonen charakteristische Eigenschaften zu, die zur Erklärung des Phänomens herangezogen werden. Sie werden durch die Quantenchromodynamik (QCD), eine Feldtheorie, beschrieben.

Quarks und Gluonen tragen eine sogenannte Farbladung. Diese hat nichts mit Farbe zu tun, außer daß es sich bei den Wechselwirkungen um eine Analogie  der additiven Farbmischung handelt. Eine konkrete Vorstellung verbindet sich damit nicht. Die qualitativ unterschiedlichen Ladungen nennt man rot, grün und blau, die der Antiteilchen anti-rot, anti-grün und anti-blau. Die Farben und Anti-Farben addieren sich jeweils zu Null (man denke an die Spektralfarben!). Null-Ladung erhält man auch durch Kombination einer Farbe mit ihrer Antifarbe. Es sind Kombinationen von Ladungslöschungen möglich, die zu höhermassigen Teilchen führen, z. B. Pentaquarks. Andererseits können Quarks und Gluonen nie frei auftreten: Sie sind gefangen in ihrem Energiekäfig (Confinement). Um diesen zu sprengen, müßten Kollisionen von hoher Energie herbeigeführt werden, wobei ganz andere Prozesse als die erwarteten stattfänden, z.B. Erzeugung von Teilchen mit enorm hoher Masse – allerdings auch sehr kurzer Lebensdauer).

Als ich meinen cholerischen Physiklehrer einmal nervte, weil ich mir irgendein physikalisches Phänomen nicht erklären konnte, verlor er die geduld. Er herrschte mich an: Die Physik erklärt nicht, die Physik beschreibt. Der Anschiß war für mich ein Schlüsselerlebnis. Mein Denken nahm von da an, ohne daß es mir recht bewußt wurde, eine andere Richtung: Aufgabe der Anschaulichkeit, ja Aufgabe der Möglichkeit wahrheitsgemäßer Aussagen überhaupt. Unsere ganze objektive Realität sind Modelle - und nur das. Also Denken in Modellen, unter Verzicht auf weiter reichende Vorstellungen. Und je tiefer unser Blick in den Makrokosmos über uns (Einstein und das Weltall) oder,  umgekehrt, in den Mikrokosmos um uns (Planck etc. und die Quantenszene) eindringt, um so abstrakter werden selbst unsere Modelle von dem Erscheinungsbild der Welt. Wir können das, was wir über unsere immer empfindlicheren Meßgeräte an Kenntnissen gewinnen, kaum noch sprachlich formulieren.

Als Werner Heisenberg 1927 seine Unschärferelation  bekannt machte, gab es einen gewaltigen Ruck in der Schar der theoretischen Physiker. Es war ein kühner Schritt: die Aufgabe der strengen Bedingung der Kausalität. Die makroskopische Gewißheit, daß jede Ursache unter identischen Voraussetzungen stets nur eine vorhersehbare Wirkung hervorbringt, sollte in der Atomistik nicht mehr gelten. Es war der Abschied vom Bohrschen Atommodell. Elektronen waren nun keine klaren, kreisenden Pünktchen mehr. Zum ersten Mal ließ einen die Vorstellung im Stich: Man sprach von wolkigen (verschmierten) Gebilden, die man nicht mehr lokalisieren konnte. Man ging noch weiter: Das, was da den Atomkern umkreiste, waren Schwingungsgleichungen, die sich in ihrem Energiegehalt unterschieden. Die Zweifler hatten mit ihrer Skepsis subjektiv recht. Aber auch die anderen, die die Zeichen der Zeit begriffen. Man hatte es mit einem Phänomen zu tun, das sich jeder konkreten Vorstellung entzog. Die Diskussionen, wie etwa die Kopenhagener Interpretation, hauptsächlich zwischen Heisenberg und Bohr, oder zwischen Born und Einstein, führten auch zu semantischen Problemen. Heisenbergs revolutionäre Idee war schwer in Worte zu fassen, hatte Konsequenzen für die Naturphilosophie – und die Religion. Die Wissenschaftler standen zu ihrer Theorie, aber sie galt nur unter Quantenbedingungen. Es bedeutete nicht, daß die Vorgänge in der Welt nun nicht mehr determiniert seien. Die katholische Kirche mochte sich bestätigt fühlen: Der Mensch behielt seinen freien Willen. Eine endlose Geschichte.

Die Fachleute argumentierten nüchterner. Aus der Quantenphysik hatte sich ergeben, daß sich – anders als von der klassischen Physik gewohnt – bei gewissen Entitäten nun nicht mehr komplementäre Eigenschaften mit gleicher Exaktheit bestimmen ließen. So etwa bei einem Elektron sein Impuls (bzw. Energie) p (kgm/s) oder der Ort x (m), wo es sich aufhielt – nicht mehr beides. Es galt Δx. Δp ≥ h/2π. Es gab auch andere komplementäre Observablen dieser Art: z. B. Energie/Zeit-Unschärfe. Das bedeutet: Bei vollständiger Bekanntheit der einen Variablen kann nichts Bestimmtes ausgesagt werden über den Zustand der andern. Alle Zustände sind gleichwahrscheinlich. Es gab keine strikte Kausalität mehr, in der Quantenmechanik spielten jetzt Zufall und Wahrscheinlichkeit mit. Seltsam – es schien intuitiv einzuleuchten. In ihren Kopenhagener Gesprächen suchten Bohr und Heisenberg, Richtlinien zum Verständnis zu formulieren damit die Forschung geordnet weiter laufen konnte:
a) Klassische Begriffe. Auf ihre Benutzung wird nicht verzichtet, ein Bedeutungswandel muß jedoch  hingenommen werden, Impuls und Ort erhalten neue Definitionsgrenzen.
b) Komplementarität: Raumzeit-Darstellung und Kausalität können nicht gleichzeitig erfüllt sein.
c) Ganzheitlichkeit der Quantenphänomene. Durch unterschiedliche Messungen kann ein Quanten-teilchen sein gesamtes Verhalten ändern.

Divergierende Meinungen hielten an – zum Teil bis heute. Heisenberg hielt ursprünglich den Einfluß der Messung auf den Zustand des Teilchens für die Ursache der Unbestimmtheit von Impuls bzw. Ort.
Bohr beharrte darauf, es handele sich um einen prinzipiellen Quanteneffekt. Vorsichtig beschränkte man die Unschärferelation auf den quantenmechanischen Untersuchungsbereich. Nichts sei darüber gesagt, daß auf eine generelle Indeterminiertheit in der Natur zu schließen wäre. Albert Einstein wollte den Verzicht auf die Kausalität zugunsten von Wahrscheinlichkeiten  partout nicht hinnehmen (der Alte würfelt nicht). Er vermutete die damalige Quantenmechanik als unvollständig – möglich, daß verborgene Variablen oder Konstanten existierten (wofür es keine Hinweise gab). Einstein blieb bei seinen Zweifeln und wurde so wider Willen zum (Früh-)Klassiker.

Physikalische Theorien bedienen sich geeigneter Modelle, die ein möglichst getreues Abbild von empirischen Beobachtungen wiedergeben. Sie lassen sich durch mathematische Funktionen beschreiben, die Voraussagen auf neue Beobachtungen erlauben. Sofern das Modell in seiner Rohform durch Einführung von zusätzlichen Parametern den Beobachtungen angepaßt werden soll, müssen einleuchtende physikalische Begründungen beigebracht werden. Andernfalls wird die Theorie fallen gelassen oder ihr Geltungsbereich eingeschränkt. Der Theorie wird somit ein Bedeutungsschema zugeordnet. In der klassischen Physik war die Zuordnung von Entitäten der realen Welt relativ selten ein Problem. Wenn doch, wie etwa bei der Perhihelbewegung des Planeten Merkur, führte das letztlich zum Sturz oder starken Einschränkung des vorhergehenden Modells – hier der Newtonschen Himmelsmechanik. Es ist ein Grundsatz des exakt-wissenschaftlichen Arbeitens, daß ein einziger gewichtiger Widerspruch genügt, um eine bis dato bewährte Theorie zur Fall zu bringen. Die Geschichte der Irrtümer in den exakten Naturwissenschaften ist so spannend wie ihre Erfolgsgeschichte – zu der die Irrtümer ja zählen. Berühmte Beispiele sind:

a) Das Ptolemaische geozentrische Weltsystem. Die Planetenbewegungen ließen sich zufriedenstellend beschreiben – nach Einführung der (astronomisch unsinnigen) Epizyklen.

b) Bei der Verbrennung nahm man an, daß Wärme als eine Substanz mit Gewicht entweicht. Man gab ihm den Namen Phlogiston. Lavoisier stellte fest, daß Asche von verbrannten Metallen schwerer wog als das Metall selbst. Phlogiston müßte demnach ein negatives Gewicht haben – was unsinnig war. So wurde der Sauerstoff als Partner der Verbrennung bzw. Oxidation ermittelt.

c) Lange galt es als ausgemacht, daß chemische Reaktionen, bei denen Wärme entwickelt wird – sogenannte exotherme Reaktionen – freiwillig abliefen. Bis man feststellte: Einige Reaktionen liefen freiwillig ab unter Abkühlung. Das Prinzip war also falsch. Man fand heraus, daß bei chemischen Reaktionen  nicht nur Wärme, sondern auch Arbeitsleistung produziert werden konnte – sogenannte exergonische Reaktionen, selbst wenn damit eine Abkühlung verbunden war. Eine typische Arbeits-leistung war die Entbindung von gasförmigen Reaktanten gegen den Atmosphärendruck.

d) Das jüngste Beispiel eines zähen Irrtums ist der Äther. Entgegen aller klassischen Erfahrung, daß ein bewegter Teilchenstrom immer an Materie gebunden ist, schien das für Licht nicht zu gelten: Es sauste mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den leeren Weltraum. So erfand man das nicht nachweisbare, hochverdünnte Fluidum Äther. Im berühmten Michelson-Morley-Experiment 1887 wurde bewiesen, daß Licht keine materielle Trägersubstanz braucht. Das Wort materiell sollte man nicht unterschlagen: Ohne immaterielles elektromagnetisches Feld kein Licht! Der Äther ist uns treu geblieben – in unserem poetischen Wortschatz. Als das Radio noch neu war, empfingen wir die Sendungen mittels Ätherwellen,
und für den romantischen Frühaufsteher schwang sich die Lerche in den Äther…

Hier eine ernste Vorwarnung: Ein Modell kann nach allerlei Manipulationen erwartete Resultate bringen – und trotzdem ein Irrweg sein. Mit der Heisenbergschen Unschärferelation war die klassische Physik auch in eine semantische Krise geraten. Was bedeutete nun was? Niels Bohr vertrat einen harten Schnitt: Keine Beziehung zwischen dem quantenmechanischen Formalismus und den Objekten der klassischen Realität – ausgenommen die Vorhersage der Wahrscheinlichkeiten von Meßwerten. Für diese nahm man noch eine zumutbare Objektivität an. Man präzisiert, um sich gegen Mißdeutungen zu wehren: Was beobachtet worden ist, existiert gewiß. Bezüglich dessen, was nicht beobachtet worden ist, haben wir jedoch die Freiheit, Annahmen über dessen Existenz oder Nichtexistenz einzuführen. Diese sachliche Freiheit des Diskurses sei nötig, um Paradoxien zu vermeiden.

Die Euphorie um die Weltformel beginnt einer Ernüchterung zu weichen. Man ist über die Physik hinaus an philosophische Grenzen gestoßen. Diese Einsicht vermittelt sich nicht jedermann so ohne weiteres: Nach wie vor ist die Fan-Gemeinde der String-Theorie(n) groß. Auch die Loop-Theorie hat ihre Anhänger. Es ist noch genügend Knetmasse für weitere Optionen da. Von der String Theorie will man  freilich nicht lassen. Überraschend spielen Emotionen eine bedeutsame Rolle. Wenige scheint diese Aussicht zu bekümmern: Gelänge die Entdeckung einer Weltformel, die alle Erwartungen vollauf erfüllt, würde eine Phase schlimmer Depression folgen. Es gäbe zunächst nichts mehr zu tun. Ist man mit der Weltformel in eine Sackgasse geraten? Mit der Weltformel, so wie man sie sich gedacht hatte: ganz sicher. Dieser Illusion braucht man nicht länger anzuhängen. Was hat man denn von einer Weltformel erwartet – eine messianische Botschaft darüber, was es mit dem Universum auf sich hat?

Man sollte ein wenig Fachkenntnis besitzen, um zu verstehen, was der Fachmann erwartet hat:
a) Nach dem Standardmodell der Elementarteilchen ein kosmologisches Standardmodell, mit dem sich alle Naturkräfte, einschließlich Gravitation, berechnen lassen.
b) Was passierte beim Urknall und wohin expandiert das Universum? Ein Werden und Vergehen in Zyklen? Oder eine Geschichte ohne Anfang, ohne Ende?
c) Was hat es mit der Dunklen Materie/Energie auf sich? Liegt darin die Lösung aller offenen Fragen?

Wir können nur allgemein antworten: Wir haben es im Wesentlichen damit zu tun, Unvereinbares unter einen Hut zu knüppeln. Ob ich zwei oder mehrere Theorien zu einer einzigen Weltformel zusammen-fügen kann, hängt davon ab, ob sie irgendwie zueinander passen. Das ist zunächst eine Frage des Maßstabs: Können Sie etwa auf ein und derselben Waage einen Sack mit zwanzig Kilo Kartoffeln und ein paar Milligramm eines – sagen wir – Opiats aus der Apotheke korrekt abwiegen? Sehen Sie, solche Unterschiede erwarten uns bei den sehr schwachen Gravitations- und den mittelstarken elektro-magnetischen Wellen oder bei den letzteren und den starken Kernkräften. Andererseits, den sehr schwachen spezifischen Gravitationskräften entsprechen Himmelskörper von riesiger Masse, und den sehr starken spezifischen Kernkräften winzige Atome. Aber das ist ja nicht alles. Die String-Theorie kann auf den Parameter Zeit nicht verzichten, obwohl es im All – mangels Bezugssystem – keine universale Zeit geben darf. Die String-Theorie braucht für ihre Variablen 11 Dimensionen. So kommen die Paralleluniversen ins Gespräch. Reden wir noch kurz von den Singularitäten:

Sowohl die Allgemeine Relativitätstheorie – für den stellaren Makrokosmos – als auch die Quanten-theorie – für den atomaren Mikrokosmos – leisten für jeweils ihren Kosmos das Bestmögliche. Kritisch wird es, beispielsweise, bei der Annäherung an ein Schwarzes Loch: Die Raum-Zeitkrümmung nimmt zu und geht gegen Null, und die Gravitationskraft strebt gegen Unendlich. An der Stelle versagt die Allgemeine Relativitätstheorie: Sie stößt auf eine Singularität – diese läßt sich nicht überbrücken.  Das Phänomen ist nichts Neues, es ist aus der Schul-Mathematik bekannt. Daher verwundert der heftige Eifer der String-Fans, es wider die Vernunft mit Tricks zu versuchen. Es funktioniert nicht. Dagegen wehrt sich auch der gesunde Menschenverstand. Überdies haben wir im Schwarzen Loch einen quantenmechanisch völlig unbekannten Zustand, von dem wir nur zu wissen glauben, daß er strukturlos ist. Mit welcher Art von Parametern wollten wir sie füttern - die ohnehin schon geplagte String-Theorie (es müßte String-Theorien heißen, wegen der Freizügigkeit der Wahl der Parameter existieren etliche Varianten)? Und um es ganz deutlich zu sagen: Jenseits der Planckschen Länge (und anderer Planckscher Grenzen) existiert für uns keine wahrnehmbare Welt.

Dabei liest sich die Geschichte der String-Theorie fast wie eine Romanze. Das Wort vom eleganten Universum (Brian Greene) macht die Runde. Was bedeutet diese Eleganz? Reduktion der Komplexität auf einfache Grundstrukturen. Damit wären, beispielsweise, Stolperfallen wie Singularitäten ausgeschlossen,  supersymmetrische Objekte bevorzugt, etc. Hier meldet sich gleich ein prinzipieller Einwand, den die Natur selbst offenbar beherzigt: Reduktionismus, wie diese philosophische Haltung genannt wird, bedeutet stets eine Verarmung an Vielfalt. Das komplementäre Gegenteil ist Emergenz, pointiert ausgedrückt durch den Satz: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein Rückschluß vom Ganzen auf seine Ursprünge ist unmöglich – damit ist auch der Reduktionismus in seiner kompromißlosen Form widerlegt.

Einher mit der Vereinfachung geht die Vereinheitlichung. Diese zwanghafte Forderung ist neu, und in der klassischen Physik nicht üblich – es sei denn zwei oder mehrere Phänomene hätten etwas Fundamentales gemeinsam: So etwa die Entdeckung des mechanischen Wärmeäquivalents, oder des Elektromagnetismus. Sonst wird auf unterschiedlichen Gebieten mit den jeweils spezifischen Theorien gearbeitet. Sie müssen einander nicht widersprechen, sind aber nicht vereinheitlicht. Wozu auch, wenn eine Liaison keinen Gewinn an Erkenntnis bringt? Es ist nicht einzusehen, warum eine pragmatische Trennung zwischen Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik nicht beibehalten werden könnte. Ist dieses Bedürfnis nach Harmonie mit der Schöpfung nicht ein wenig überzogen? Was ist für das aufgeweckte Publikum neu an der String-Theorie: In ihren Modellen sind die dimensionslosen Elementarteilchen verschiedener Energieniveaus durch lineare, also eindimensionale, schwingende Saiten ersetzt. Die Schwingungsfrequenz entspricht der Teilchenenergie. Mit den Feinheiten der Unterschiede zur konventionellen Elementarteilchen-Mechanik ist der Laie überfordert. Vielleicht ist mit den schwingenden Saiten die vermißte Anschaulichkeit zurückgekehrt, ja sogar etwas wie Klang, Musikalität – im Vergleich zu den wolkigen, verschmierten, konturlosen Teilchenwahrscheinlichkeiten. Für den nüchternen Intellekt sind alle denkbaren Modelle gleich weit von der Wahrheit entfernt – diese, wie ein Schwarzes Loch, ist für uns nicht existent.

Die Kritik nimmt zu. Sie richtet sich ganz klar gegen die Leute, die mit der String-Theorie professionell umgehen. Daß sich ein Durchbruch nicht einstellen will, läßt sich als Argument nicht entkräften. Schlimmer noch der Vorwurf: Die starre Fixierung auf die String-Theorie lenke von möglichen Alternativen ab. Es fehle selbst an einer neuen Mathematik. Mit der derzeit angewandten Störungsrechnung, durchaus bewährt in der Himmelsmechanik, lasse sich für die String-Theorie(n) keine Gleichung aus einem Guß ableiten. Man müsse sich mit Approximationen behelfen. Unbehagen bereite die Notwendigkeit eines 11-dimensionalen Raums. Scharf kritisiert wird der willkürliche Umgang mit Anpassungs-Parameters, die wohl nicht immer überzeugend interpretiert würden. Es gibt das Problem der Uneindeutigkeit. Schwer wiegt der Vorwurf: die Forderung des nach Falsifizierbarkeit (nach Popper) wird nicht erfüllt. Es ließe sich nicht einmal nachweisen, daß das Gleichungssystem falsch sei.

 

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