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Freispruch und Verurteilung sind juristische Fiktionen, um einen Vorgang administrativ zum Abschluß zu bringen. Auch der Begriff der Sühne ist letztlich administrativ – oder jedenfalls psychologisch so zu sehen: Nicht als Anmaßung, den Schöpfer als Richter zu vertreten. Das Eliminieren oder Wegsperren des Täters zum Schutz der Gesellschaft reicht nicht ganz aus. Es bleibt ein Unbehagen, persönliche  Schuld so völlig zu relativieren. Es wäre wie eine unbezahlte Rechnung. Weiter reicht der Vorwurf von Schuld eigentlich nicht. Trotzdem, die Diskussion über willentlich schuldiges Verhalten einer Person oder eine prinzipielle kreatürliche Unschuld wird stets weitergeführt werden – ohne Ergebnis, da ja keine neuen Fakten hinzukommen. Den Antagonismus von Prädestination und Willensfreiheit muß man schlicht hinnehmen. Das Leben selbst kennt also weder Freispruch noch Verurteilung – und das gilt auch für Mega-Verbrechen wie den Holocaust oder jedes andere Ausmaß von Genozid. Es sind Menschheits-katastrophen. Auch eine Tsunami oder ein Erbeben tötet wahllos Unschuldige. Das Faktum des Massentodes erlaubt keine eindeutige Schuldzuweisung auf Täterschaften. Psychopathen wie Hitler, Pol Pot sind so unberechenbar wie ein Vulkan.

Ein prinzipieller Unterschied zwischen dem Genozid und einem Pogrom mit Todesopfern besteht nicht. Ein Genozid entwickelt sich stets aus einer großen Anzahl von gruppenweise verbrochenen Tötungsakten. Hier rückt als Novum, im Vergleich zum Einzeltäter, die Mitschuld vieler in den Fokus. Läßt sich eine deutliche Interaktion zwischen dem eigentlichen Täter und der Gruppe der Umstehenden oder nur hilfsweise Zugreifenden feststellen? Fühlt sich der aktive Täter gar von Schuld frei, wenn er nur den Befehl des kreuzige ihn! ausführt? Sind auch jene mitschuldig, die im Nachhinein auf den Straßen tanzen und die Untat aus aufgerissenen, schreienden Mäulern bejubeln?

Wie mitschuldig ist das deutsche Volk am Holocaust? Darf man Volksmassen aus einem Gemenge von Schuldigen, Hilfstätern, Mitwissern, Wegguckern und tatsächlich Unbedarften einer Kollektivstrafe unterwerfen? Man gerät rasch in Sackgassen, wenn man in der Behandlung der Frage nicht pragmatisch vorgeht. Die Naturwissenschaften führen uns mit exakten Gleichungen vor, welch ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Verhalten von Individuen und großen Mengen besteht. Die physikalischen Phänomene von Druck, Temperatur, Volumen sind bedingt durch eine ungeheuer große Zahl an gasförmigen Atomen/Molekülen: 6x1023 pro Mol (Avogadrosche Konstante). Die große Masse folgt physikalischen Gesetzen: Wird die Temperatur erhöht, nehmen auch Druck oder Volumen zu. Über das Verhalten einzelner Gaspartikel wäre keine Aussage möglich. Auch bei Volksmassen ist das Individuum nur ein minimaler Teil des Ganzen (Lit. Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen; der Mensch und die Leute; Gustave Le Bon:  Psychologie der Massen).

Unterstellung einer Kollektivschuld und die daraus resultierende Bestrafung der Massen war in der Geschichte immer üblich. Ein notwendiger Bezug zum Individuum war irrelevant. Die biblischen Verwünschungen galten immer auch für die kommenden Generationen (sein Blut komme über uns und unsere Kinder!). Auf Mega-Verbrechen darf die Mega-Rache der Opfer oder ihrer Stellvertreter folgen: Der von Hitler angezettelte Zweite Weltkrieg wurde mit Deutschlands totaler Niederlage und deren oft grausigen Umstände bezahlt. Das ließ der Sieger als Sühne gelten, es wurde verziehen, und Friede kehrte ein. Die Schuldfrage war hier eindeutig. Ambivalent war die Situation im Ersten Weltkrieg. Ein Krieg, den angeblich niemand wollte, und der doch unvermeidlich kam, weil ihn doch alle wollten. Krieg wurde schließlich allseits als ultima ratio akzeptiert und war kein Verbrechen. Der Verteidigungsminister von heute war damals noch ostentativ der Kriegsminister. Der japanische Überfall auf Pearl Harbour wurde mit Hiroshima gesühnt. Aber es gibt viele unbezahlte Rechnungen. Es sind schwärende Wunden, die sich auch über viele Generationen nicht schließen – wie der türkische Genozid an den Armeniern. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem katholischen Begriff der Erbsünde die resignierende Einsicht, der Mensch ist immer auch zum Bösen verdammt.

 

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