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Heute etabliert sich die Philosophie mitten im Leben. Sie hat als Angewandte Philosophie braches Land entdeckt, das von Alters her die Kirchen und konkurrierende Ideologien, wie der Marxismus, als ihre Domäne betrachteten: die Seele des Menschen. In einer säkularen Welt, die immer stärker von Naturwissenschaft und Technik, Skeptizismus und Pragmatismus sowie vom Verschwinden autoritärer Bevormundung gestaltet wird, werden Kirchen und vergleichbare Institutionen in eine Randposition gedrängt. Sie sind längst auf dem Rückzug – Hirten ohne Herde. Mangels attraktiver Angebote ist ihnen das Volk davongelaufen. Die Gesetze des Marktes gelten im Grunde immer und überall: Angebot und Nachfrage. Die Hoffnung auf ein göttliches Eingreifen erfüllt sich bei den Kirchen nicht.

Angewandte Philosophie ist ein Begriff aus jüngster Zeit (s. Vortrag von Martin Mühl: Was ist Angewandte Philosophie? Im Philosophischen Salon Frankfurt am Main, 23.02.2014). Sie ist noch im Aufbruch begriffen, tastet das ungewohnte Terrain ab. In der Praxis bietet sie Menschen in Entscheidungsnöten Lebenshilfe. Sie ersetzt nicht die Psychologie, hat nicht Problemlösungen im Sinn. Sie wertet als Erfolg, wenn der Ratsuchende selbst zu einem überzeugenden Ausweg findet - nach Abwägung des Für und Wider aller Argumente. Dennoch wäre ein Vergleich mit der pastoralen Arbeit der Kirchen fehl am Platze. Die Angewandte Philosophie versteht ihre Lebenshilfe durchaus irdisch. Die Kirchen haben das sogenannte Seelenheil des Menschen im Fokus.

Ein Goldenes Zeitalter hat es nie gegeben. Schlimm war es damals: Krieg, Feuer, Dürre, Hunger, Pest. Ein immerwährender Zyklus. Mittelalterliche Finsternis. Man darf dem Jammer schon glauben: Dem endlosen Flehen, Gott möge sich der Sünder erbarmen. Jedoch: hatten die geschundenen Kreaturen zu gottes-lästerlichen Sünden noch die Kraft? Man kommt ins Grübeln: Ob denn wohl mit der Schöpfung alles in Ordnung sei? – und wenn nein: Ließe sich da was machen? So wie es sich Papst Benedikt XVI recht simpel vorstellte: das Böse bekämpfen. Alles Weltliche hatte den Ruch des Bösen. Die Jugend werde durch die Anreize des Säkularen verführt. Doch auch bei diesem Heiligen Vater regte sich letztendlich ein philo-sophischer Verdacht: Womöglich könne die Schöpfung ohne das sogenannte Böse gar nicht funktionieren? Es ist auch meine Meinung: Das Böse ist unersetzlich. Lasciate ogni speranza…

Wenn sich der Philosophische Salon Frankfurt am Main der modernen Angewandten Philosophie zuwendet, dann muß er an einer gewaltigen Aufgabe mitarbeiten: Ein säkulares Weltbild entwerfen, das auf dem humanistischen Ethos unserer abendländischen Kultur gründet – ohne Religion, ohne Parteien, ohne jegliche Diskriminierung von Mitmenschen… Alles, was uns der Zeitgeist an Kummer und Sorgen beschert, ist letztlich der fehlende Konsensus zu einem säkularen Weltbild. Weil wir diese paradoxe Aufgabe nicht schaffen können, müssen wir sie gerade deswegen anpacken. So ist das mit dem widersprüchlichen Dualismus, der der gesamten Schöpfung innewohnt. Dieses Trotzdem…

 

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