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Das Optische Kabinett wurde als Lehr-Museum eingerichtet. Erfahren Sie, wie eine optische Täuschung funktioniert oder schauen Sie sich einen rustikalen Fernschreiber aus dem letzten Jahrhundert an. Erleben Sie auch, wie Elektrizität und vieles mehr entsteht.

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Analytische Studie an dem Roman Stadt am Tiber von John D. Wolfringer
 
(01) Anspruch auf Objektivität. Es wird empfohlen, bekannte historische Romane, die in der römischen Antike spielen, zum Vergleich heranzuziehen, etwa Quo Vadis? Ben Hur; Kampf um Rom, Die letzten Tage von Pompeji. Ein Roman bleibt ein Roman und wird nicht zur Dokumentation, gleich wie erfolgreich sein Autor bei der Objektivierung seiner Geschichte vorgeht. Es geht hier um die ästhetisch-literarische Qualität. Wenn wir uns in einem belletristischen Genre bewegen, gelten dessen Prioritäten. Nichtsdestoweniger ist dem Autor an einer Disziplinierung seiner schöpferischen Phantasie gelegen – die er etwa so artikuliert:

In den wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz, ausgesetzt in einem rätselhaften Universum, werden wir niemals so etwas wie letzte Wahrheit erfahren – sie wäre unanschaulich und unbegreiflich. Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen (unterstützt durch wissenschaftliche Messungen) und zusätzlich als allgemeine Erfahrung unserer Gedankenwelt einverleiben (ontologisch: Interaktion mit den Metaebenen), ist streng nicht objektivierbar. Wir haben es hier mit beliebig vielen Perspektiven zu tun, die einander, je nach Beobachter, noch ähnlich sind, aber nicht mehr identisch. Diese Unschärfe gilt auch für die historische Erinnerung. Innerhalb dieser Möglichkeit statt Gewißheit öffnet sich ein beträchtlicher Freiraum für die Phantasie des Autors, die er jedoch wiederum nach bindenden Regeln einschränkt. Er läßt für die Objektivität drei Kategorien gelten: Evidenz, Plausibilität,  Konformität.

a) Evidenz liegt dann vor, wenn Ereignisse, Umstände, Vorschriften, Orts- und Zeitdaten historisch eindeutig belegbar sind – sei es durch Ausgrabungen und sonstige Funde (z. B. die Peutingerschen Tafeln) oder literarische Zeugnisse.

b) Plausibilität kann dann beansprucht werden, wenn die Umstände es nahelegen, daß ein Vorgang mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit so abgelaufen, oder ein Ereignis so stattgefunden hat – weil es den Gewohnheiten entspricht.

c) Konformität muß durchgehend die Freiheit von Widersprüchen gewährleisten. Das betrifft auch triviale Irrtümer. Der Autor muß sich intim vertraut machen mit geographischen, kulturellen, sozialen Details etc. und stets hinterfragen: gab es das damals schon? Zum Beispiel: Zitrusfrüchte – sie stammen aus China und sind erst für das 10. Jahrhundert im Mittelmeerraum belegt. Im vorliegenden Roman soll über den Splügen-Paß in der Schweiz ein Karrenweg angelegt werden. Zur Zeit der Flavier überquerten nur Träger und Maultiere den Paß. Erst in der Neuzeit wurde der Gebirgspfad befahren.

(02) Die Person des Erzählers. Ein Autor wählt als Erzähler die 3. oder die 1. Person. Die 3. Person schafft abgeklärte, neutrale Distanz, sie suggeriert Authentizität.  Unser Autor möchte jedoch den Leser, sozusagen an der Hand, in das antike Rom mitnehmen, und so schlüpft er in die Rolle des Protagonisten. Er läßt Gnaeus Constantius Rufus seine Geschichte selbst erzählen. Sie beginnt mit der Erstürmung des  Kapitols durch die Vitellier im Dezember 69 und endet mit der Ermordung Kaiser Domitians im Oktober 96 – es ist exakt die Regierungszeit der Flavischen Kaiser.
 
In dem waffenklirrenden Getümmel auf dem Kapitol muß Rufus etwas zugestoßen sein. Aus tiefer Ohnmacht wird er von einem gallischen Kneipenwirt wachgerüttelt und muß feststellen, er hat seine Erinnerung verloren. Er weiß nicht, wer er ist, kennt nicht sein Alter, nicht seine Herkunft, verfügt aber sonst über normale Geisteskräfte – spricht Latein, Griechisch und etwas Gallisch, findet sich in Rom zurecht. Er flieht vom Kapitol, ihm schließt sich ein junger Mann an, am Tiberufer trennen sie sich. Später findet Rufus heraus: Sein Begleiter war der jüngere Kaisersohn Domitian. Diese Begegnung sowie der Verlust seines Gedächtnisses werden zu zwei roten Fäden im Leben des Rufus.

(03) Die Rahmengeschichte. Der Roman ist in eine Rahmengeschichte eingebettet, darin erzählt in Rückblenden Gnaeus Constantius Rufus seine Geschichte – es sind sieben Bände mit den Titeln und Jahreszahlen:
I. Saturnalia (69) – II. Alexandria (70-79) – III. Divus Titus (79-81) – IV. Villa Rustica (81-84) –
V. Domus Domitiana (85-89) – VI. Deus et Imperator (90-96) – Damnatio Memoriae (96).

In diesem letzten Frühjahr 96 geht Rufus zum Kaiser und schlägt ihm vor, die Route über den  Specula-Paß an der Grenze zu Rätien zu einem Karrenweg auszubauen. Jetzt ist es ein Nadelöhr, falls rasch mal Truppen nach Obergermanien verlegt werden müßten. Domitian sieht das ein. Sein strategisches Konzept ist vor allem Ruhe an den Reichsgrenzen. Rufus hat noch andere Gründe, Rom für eine Weile zu verlassen. Sein Todfeind Berytos, ein Immobilienmakler, wird aus der Verbannung an der Donau zurück nach Rom kommen. Er war der vorsätzlichen Brandstiftung überführt worden, Rufus hatte da in ein Wespennest gestochen. Nur knapp war er einem Anschlag des Berytos entgangen. Jetzt hat er keine Chance mehr. Sein Todfeind sinnt auf Rache.  

Rufus spürt, und es ist ein fast körperlicher Schmerz, wie es um ihn herum einsam wird. Der Bruch mit seiner Lebensgefährtin Priscilla ist schwer zu ertragen. Er hat sie betrogen, er fühlt sich schuldig. Sie gehörte dem christlichen Glauben an, litt unter häufigen Schüben von Melancholie. Sie hat Rom verlassen, ist zu ihren Verwandten nach Kilikien zurückgekehrt. Rufus‘ geliebter Patron Quintus Fabius Pulcher ist gestorben, ebenso seine Frau Lucilla  -  Rufus‘ Geliebte in mondhellen Träumen… Sein Nachbar, der Militärarzt Lentulus Corvinus tot, tot auch der Hauptmann Iulius, der ihm durch eine gerichtliche Aussage einen tödlichen  Prozeß erspart hatte. Iulius hatte den christlichen Missionar Saulus Paulus dereinst nach Rom gebracht. Albträume quälen Rufus: Er findet sich in einem Rom Jahrhunderte später wieder, und es ist eine Stadt der Toten, der Ruinen, des trockenen Staubes, des Schweigens. Jetzt atmet er die reine, kühle Bergluft. Sein Lager teilte er mit Ilva, der Tochter des Verwalters Tambo auf dem Rasthof Cuneus Aureus.

(04) In Rom feiert man  die Saturnalien. In Rom macht Gnaeus Constantius Rufus seinen Weg als Bau-ingenieur. Er findet zunächst Unterkunft im Gallierhaus bei Avarix, dem Wirt der EPONA-Kneipe, der ihn auf dem Kapitol gerettet hatte.  Zusammen mit drei Freunden, dem Philosophen Pinpetos, dem Flickschuster Potlun und dem Möbeltischler Iupicellos wird für Rufus ein phantasievoller, neuer Lebenslauf erfunden. Rufus spricht ein wenig Gallisch, und Avarix meint, er müsse wohl aus Mogontiacum stammen. Die Vaterfigur ist ein bodenständiger römischer Angehöriger der Pioniertruppe, die Mutter eine gallische Adelige von großer Vornehmheit und Schönheit. Sie ist nicht nett zu Rufus, ruft ihn rote Bürste wegen seiner roten Haare.

In den trüben Dezembertagen erlebt Rufus Rom im freudigen Taumel der Saturnalien. Die erste Nacht hat er am Fuße des Aventins verbracht, wo er aus seinem Versteck den Kaiser Vitellius beobachtet. Dieser hat die Sänfte mit den Insignien des Imperators verlassen, um seine Blase zu erleichtern. Er ist auf der Flucht, entschließt sich aber zur Umkehr in den verödeten Palast. Inzwischen haben die Flavier das Kapitol zurückerobert. Im Velabrum am Tiber ist Markttag. Zwischen den Tischen und Abfallhaufen werden Germanen zu Tode gehetzt – die Elitetruppe des gestürzten Vitellius. Die Überlebenden haben sich im Marcellus-Theater verschanzt, erwarten den Todesstreich durch die Flavier.  Rufus beeilt sich, in die Subura zu kommen – dort, wo das Herz Roms schlägt, jenseits des Forum Romanum. Der Stadtteil ist in festen Händen der Flavier. Unterwegs begegnet er dem Buchhändler Sosigenes, der gerade ein Feuer in seinem Papierlager löscht. Böse Buben haben eine brennende Fackel hinein geworfen. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Es ist die erkennbare Absicht des Autors, dem Leser Rom in seinem sarkastischen Humor nahe zu bringen. Da ist der Bänkelsänger mit dem Klagelied des Kaisers Nero, der im Vorjahr sein Leben ließ: „Oh Römer: Wie habt ihr mich Künstler so heimlich verlacht / Da hab‘ ich in Rom ein Feuer entfacht / Und ließ euch drin brennen und schmoren / Ich war euer grausames Schicksal, ihr Toren / Ich war euch eine schreckliche Zeit / Uns das nur, weil ihr so undankbar seid / Die Götter bezeugen, ihr habt mich gehetzt / in den Tod – und, was bleibt euch zuletzt? / Dieser Tattergreis Galba, seht ihn da – ha, ha ha…“/ Der nächste Sänger ist Kaiser Galba und sofort…  Ein anderer Umzug persifliert auf deftige Weise die Totenklage um einen Freigelassenen Trimalcho – jeder Römer kennt die Gestalt des Emporkömmlings aus dem Schauspiel Satyricon von Petronius. Aber dann folgt eine reale Szene: Ein berüchtigter Mietshausbesitzer namens Aristos läßt sich ausgerechnet an den Saturnalien in einer Sänfte durch die Subura tragen. Cenaborix, der gallische König des Tages, erspäht ihn, ein Wink genügt, die Sänfte wird gestoppt, wütend schlagen und stoßen die Träger um sich, Aristos wird gnadenlos herausgezerrt, auf einen Stuhl gedrückt, sein Mund aufgesperrt und mit Fleischresten vollgestopft bis er fast erstickt – dabei muß er sich anhören, er soll nicht so gierig alles in sich hineinschlingen, am Schluß wird ihm ein Eimer Essigwein über den Kopf geschüttet – er sei herzlich auch im nächsten Jahr eingeladen. Wo ist die Sänfte? Darin sitzt eine zerlumpte Gestalt, ein Philosoph aus der Schar der Kyniker, er winkt und lacht, und das Volk jubelt ihm zu…

In der EPONA-Kneipe ist der Tag noch lange nicht zuende. Der treuherzige, germanische Feuerwehrmann Ursus hat sich ganz gut erholt – das übliche Gelichter in den Gassen hatte sich mit Messern auf ihn gestürzt. Mithilfe von Passanten konnte er sich in die EPONA-Kneipe retten. Avarix hat den tapferen Mann eingeladen, neben ihm sitzt die hübsche Fugenia, küßt Ursus‘ Wunden, er will aber erst über alle seine anderen Wunden reden, die er sich bei Hausbränden zugezogen hat und stolz wie militärische Auszeichnungen trägt. Allmählich wird Fugenia ungeduldig, zupft Ursus immer häufiger am Ärmel seiner Tunika – endlich begreift er. Na, wenn das so ist, meint er verlegen. Der Tischler Iupicellos brüllt: das Lotterbett habe ich gebaut, das hält schon was aus.

Mit Rufus geht eine Veränderung vor sich. Als er am nächsten Morgen seine Freunde fragt, wo das Mädchen Alauda geblieben sei, kann ihm niemand eine Antwort geben. Keiner erinnert sich an eine Alauda – ein schöner Name keltischen Ursprungs: Lerche. Ob er Fugenia meine? Die Freundin von dem Feuerwehrmann. Oder Bibula, Avarix‘ Lebensgefährtin? Rufus ist völlig verstört: Alauda war ein zierliches, hübsches Mädchen mit goldblonden Löckchen. Sie saß neben ihm auf der Bank, hielt seine Hand. Später lag er mit Alauda auf dem Bett, das Fenster war weit geöffnet, das Mondlicht fiel voll in das Zimmer, das mit prächtigen Möbeln ausgestattet war. Lag er wach? Alauda erhob sich., ging zum Fenster,  schwang sich hinaus in einen Nachen, der dort ankerte.  Sie wandte sich um, sah Rufus nachdenklich an, hob die Hand zum Abschied. Der Fährmann hatte gestutzte Flügel an seinen Knöcheln. Dann stieß er ab. Es war der himmlische Bote: der Gott Merkur. Also, ihr wißt nichts – oder sagt nichts, murrte Rufus. Da antworte Avarix: Vielleicht steckt da ein Geheimnis dahinter – und du, mit deiner Neugier, bist dabei, es zu zerstören. Rufus bat um Verzeihung. Sein Gehirn war nicht das eines normalen Menschen. Er hatte nicht nur sein Gedächtnis verloren, er war offenbar auch somnambul. Und doch: seine Freunde wußten mehr. Sie hatten Beziehungen zu dem Zirkel der Druiden in Rom.

Constantius Rufus ist somnambul. In den hellen Mondnächten lebt er ein zweites Dasein in lebhaften Träumen. Er wandert durch das schlafende Rom, dringt durch seine Mauern in geheime Winkel, trifft sich mit Frauen – darunter Lucilla, verheiratet mit seinem Patron Fabius Pulcher, verwandelt jedoch in ihre verstorbene Tochter Fabiola. Diese Träume, die sich zuletzt auch mit seinem nahen Tod beschäftigen, sind ein wesentliches erzählerisches Moment des Romans: lassen sie doch etwas ahnen von Rufus‘ Schicksal – wer ist er eigentlich, und warum ist ihm Rom in mancher Hinsicht so völlig fremd geblieben, als sei er von sehr weit her gekommen?

(05) Karriere als Bauingenieur.  Gnaeus Constantius Rufus fand eine Anstellung bei der Baufirma Lucius Vestinus® und arbeitete sich rasch empor. Rom war unter den Flaviern voller Baustellen. Der bei der Erstürmung des Kapitols abgebrannte Jupiter-Tempel mußte rasch wieder aufgebaut werden, das riesige Flavische Theater war ein Prestige-Objekt – dazu gehörten die Gladiatorenkaserne und die neuen Thermen. Das riesige, verwilderte Areal von Neros Domus Aurea war einer vernünftigen Nutzung zuzuführen, überall zeigten sich häßliche Lücken von vergangenen Einstürzen und Bränden. Der Bauleiter Tissaphernes von Lucius Vestinus fand an Rufus Gefallen. Rufus fielen für knifflige Probleme stets bestechende Lösungen ein. Er dachte weit voraus und sicherte sich so die Kompetenz für künftige Projekte. Den hauptsächlichen Ruhm heimste Tissaphernes ein, die enge Kooperation mit Gnaeus Constantius Rufus  stritt er freilich nicht ab. Andererseits konnte er mit Rufus‘ Bescheidenheit rechnen. Rufus hatte ein generelles Problem, das er aus unerfindlichen Gründen nie löste: Seinem fingierten Lebenslauf nach war er Provinziale – streng genommen nicht einmal das: Er stammte angeblich aus Obergermanien, das war zur Zeit seiner Flucht ein Militärbezirk, wurde erst unter Domitian Provinz mit Mogontiacum als Hauptstadt. Im römischen Alltag spielte das kaum eine Rolle – solange er nicht in das Getriebe der Justiz geriet. Das Recht für Nicht-Bürger war wesentlich härter und in seiner Auswahl an Strafen drakonischer als das für Römer. Gnaeus Constantius Rufus wohnte zu Anfang in einem sechsstöckigen Mietshaus in der Via Vipsania, unweit von der Saepta Iulia, dem Einkaufszentrum Roms mit der größten Auswahl an Waren. Für das noch nicht durchgehend besiedelte Marsfeld war die Saepta ein Magnet. Rufus, gewöhnlich knapp bei Kasse, schaute mehr herum, als daß er kaufte. Gern erzählte er die Episode, wie er einen billigen Nachttopf erstand.  Er sagte: es war hinreißend, den Geschichten des orientalischen Verkäufers zu lauschen. Wann immer Pompeius, Cicero oder Caesar auf den Topf mußten – er war dabei und gab Ratschläge.

(06) Gesellschaftliche  Beziehungen. Als Rufus, auffällig mit seinem roten Haar, durch die Subura schlendert, zieht er die Aufmerksamkeit des Dichters Valerius Martialis auf sich. Durch ihn lernt Rufus den Patron Fabius Pulcher kennen, wird in den Kreis der Familienfreunde aufgenommen und zu Gastmälern eingeladen.  Er trifft dort Plinius d.J., der über den Ausbruch des Vesuvs und den Tod seines Onkels, des Admirals Plinius d.Ä. , berichtet. Kritische Stimmen melden sich, ob der Befehlshaber der Misenischen Flotte korrekt gehandelt habe. Rufus meldet sich zu Wort: Plinius habe offenbar einen Schlaganfall erlitten und sei nicht mehr Herr seiner Entscheidungen gewesen. Damit macht sich Rufus den griechischen Hausarzt Chrysippos zum Feind, der die Diagnose eines Fremden als Anmaßung betrachtet.

Zu Plinius d. J. knüpft Rufus relativ enge Kontakte. Er besucht den jungen Anwalt auf seinem Landsitz Laurentinum. Plinius wiederum schätzt das mehr rustikale Bauerngut Pampinium, das Rufus von Kaiser Titus geschenkt bekam, vor allem wegen eines uralten Eichenhains. Zuweilen bringt er sogar Gäste mit: so macht Rufus die Bekanntschaft des sehr jungen Tranquillus Suetonius, der, aus Africa angereist, in Rom Karriere machen möchte. Er wird später die Kaiserbiographien schreiben. Die Beziehungen zu der römischen Oberklasse lassen eine gewisse soziale Distanz zu Constantius Rufus, dem Provinzialen, nicht verkennen. Echte, persönliche Freunde sind der Buchverleger Sosigenes, der Kneipenwirt der EPONA, Avarix, und Charmides aus Alexandria – mit dem er einen Ringkampf in der Palästra der Vipsania Thermen ausgefochten hat. Charmides führt Rufus in die Kolonie seiner Landsleute ein, die sich häufig im Alexandrinerhaus im Velabrum treffen. Dort wird heftig diskutiert, auch Experimente stellt man an, ein anregendes Ambiente für junge Intellektuelle. Es ist so, daß die Alexandriner die Römer wegen ihrer angeblichen Provinzialität von oben herab belächeln.

Tief greift in Constantius‘ Rufus Leben die Liebe zu Priscilla ein, der Schwester des Thermenmeisters Milo. Die Familie bekennt sich zum Christentum. Rufus ist mit seinem Olymp römischer Götter zufrieden, dem verspielten Pantheismus, der jeder Quelle, jedem Baum, jedem Felsenhügel eine neckische Gottheit zuordnet. Rufus respektiert den Göttervater Jupiter, verehrt aber hauptsächlich Minerva, Bacchus und Merkur. Er versteht den Monotheismus der Christen nicht. Wozu das? Er macht traurig, ja verzweifelt – Priscilla leidet unter Schüben von Melancholie. Sie hatte als Kind die Christenverfolgung unter dem Kaiser Nero miterlebt – hatte auf der Suche nach ihrem Großvater die Christen als brennende Fackeln gesehen. War es das? Rufus schob die Schuld auf den komischen Apostel Paulus, der, inzwischgen hingerichtet, seine Gemeinde mit endlosen mahnenden Reden tyrannisiert hatte. Sie lagen nebeneinander, aber fanden nicht zueinander, als hütete jeder ein dunkles Geheimnis vor dem anderen. Der Bruch kam, als Priscílla Rufus‘ Liebschaft zu der jungen, fröhlichen  Myrites aus Hippo entdeckte. Sie bestand darauf, Rom zu verlassen. Rufus brachte sie auf einer 14-tägigen Landreise nach Brundisium. Es war eine einzige Agonie, bei der nicht ein  persönliches Wort fiel.

(07) Römische Charaktere. Der Autor bekennt, es war überraschend einfach, aus den Quellenstudien die Charakterbilder seiner antiken Freunde und Bekannten zu zeichnen. Am Ende standen sie da, und sie  waren so und nicht anders. Wohl gemerkt: Wir sprechen hier über historische Gestalten, deren Psychogramm uns in  der Schule nicht interessiert hatte – sofern wir überhaupt ihren Namen kannten. Cicero, Caesar und Augustus – darunter konnten wir uns noch Persönlichkeiten vorstellen – aber Martial, beispielsweise? Er ist zweifellos die interessanteste Figur und ein ständiges Problem für Constantius Rufus. Wir kennen Martial nur aus seinen Epigrammen – das waren Nachrichten aus Rom, in denen er häufig als Mitspieler mitmachte. Martial kam aus Spanien – und kehrte dahin wieder zurück in seinen letzten Lebensjahren.

In Rom war Martial ein armer Hund. Er lebte viele Jahre in einer der sechsstöckigen Mietskasernen am Quirinal, in denen immer mal Brände ausbrechen konnten, oder sie stürzten ein, weil sie nicht nach den strengen Regeln der Bautechnik errichtet waren. Der Autor zeichnet Martial vor allem als einen Menschen voller Selbstironie, der sich niemals zu ernst nahm, und mit seinem Elend, vor allem dem Hunger, kokettierte. Von der Dichtkunst konnte er nicht leben, die Zuwendungen des Kaiserhauses für Lobgedichte flossen spärlich. Das war sein großer Kummer: daß man ihm Publius Statius – den Verfasser der Thebais – vorzog. Der war ohne Zweifel der bessere Literat, auch kamen seine Lobhudeleien im Kaiserhaus  besser an als jene des Valerius Martialis. Dieser rannte zu vier verschiedenen Patronen, jeweils  am frühen Morgen, um das Handgeld oder selten die Einladung zu einer Mahlzeit zu ergattern. Hauptsächlich lebte er wohl von der Spitzeltätigkeit für den Ankläger bei Gericht, Aquilus Regulus. Martialis gehörte zu der Truppe von delatores, die in den Gassen der Subura nach dem Rechten sahen, sozusagen Polizeidienste verrichteten. Rufus hatte zu Martialis stets ein ambivalentes Verhältnis. Oft machte er ihm ungerechte Vorwürfe – aus der sicheren Position des besser Verdienenden.

Die Freundschaft zu dem jungen Plinius war ganz anderer Art: völlig unbelastet von persönlichen Animositäten. Plinius war ein munterer Plauderer, ein Schwärmer für die Natur – und insofern kongenial mit Rufus‘ Pantheismus. Er war extrem eitel und doch diszipliniert: Erbe der Erziehung durch seinen gestrengen Onkel, des Admirals der Misenischen Flotte. Man muß Plinius eine gewisse Oberflächlichkeit attestieren, die in schroffem Gegensatz stand zu der ernsten Sachlichkeit seines älteren Freundes Tacitus. Es ist nichts darüber überliefert, inwieweit Tacitus die etwas aufdringliche Freundschaft mit Plinius im Zaume hielt. Sie waren beide Anwälte in der Basilica Iulia, und insofern ergab sich eine Grundlage für einen regelmäßigen Gedankenaustausch. Auch übten sie beide eher das Amt des Verteidigers aus als des Anklägers. Zweimal jedoch hatte Rufus mit Tacitus – den er im Übrigen schätzte – einen heftigen Zusammenstoß. Tacitus empfand einen tiefen Haß gegen die Christen und sprach sich für ihre Ausrottung aus. Er hing den üblichen Klischees an, daß sie insgeheim Menschenfleisch verspeisten. Tacitus war sehr schnell mit dem Verdikt zur Hand: Es ginge hier um unrömisches Verhalten. Er war aufgebracht, als Kaiser Domitian seinem Schwiegervater Agricola das Kommando über die britannischen Legionen entzog. Er verbot weitere Feldzüge, auch ein Übersetzen auf die Insel Hibernia (Irland), die nur von römischen Händlern aufgesucht wurde. Rufus verteidigte die Politik des Kaisers als eine vernünftige Konsolidierung der Reichgrenzen. Tacitus jedoch zornig: So spricht kein Römer. Er ging für mehrere Jahre außer Landes als Legat in eine östliche Provinz.

Sextus Iulius Frontinus hatte sich seine Sporen schon in den britannischen Feldzügen verdient – um dann von Agricola, Tacitus‘ Schwiegervater, abgelöst zu werden. Er genoß hohes Ansehen in Rom als Römer vom alten Schlag – unprätentiös und unbestechlich. Er hatte Landgüter in Formia und Tarracina, beschäftigte sich aber lieber in Rom mit der Wasserversorgung. Er gründete eine Firma, die u. a. Bleirohre herstellte. Sein Ziel war es, der Wasser-Mafia das Handwerk zu legen, die die Hälfte von Roms zufließenden Wässern illegal verscherbelte. Im vorliegenden Roman gewinnt er Constantius Rufus als Mitarbeiter, was dessen Karriere fördert. Auch Plinius und Frontinus kennen sich – der Autor sieht die Beziehung eher skeptisch. Plinius versteht nicht, warum Frontinus für sich kein stattliches Grabmal wünscht. Ob Frontinus‘ Feststellung, seine Verdienste um Rom seien ohnehin bekannt, man müsse sie nicht noch auf seinem Grabstein erwähnen – nicht doch von Hochmut zeuge?

(08) Das Kaiserhaus. Im Roman ist  Constantius Rufus unter den Zuschauern, als die Grundsteinlegung  des neuen Jupiter-Tempels auf dem Kapitol feierlich begangen wird. Zum Ritual gehört es, daß der Imperator als erster einen Korb mit Erde wegträgt. Danach folgen Vertreter des Senats, schließlich darf das Volk mitmachen. Der Buchhändler Sosigenes hat seinen jungen Freund Rufus in die erste Reihe bugsiert. Mit seinem roten Haar ist er eine auffallende Erscheinung.  Sosigenes hat richtig kalkuliert: Kaiser Vespasian winkt Rufus, er solle helfen, einen Korb Erde wegzutragen. Es ist möglich, daß es zu weiteren flüchtigen Kontakten mit dem Kaiserhaus kommt – aber noch ist Rufus ja erst am Anfang seiner Karriere als Bauingenieur.

Der mächtige Bau des Flavischen Amphitheaters ist fast vollendet – bis auf das oberste Geschoß. Man legt einen Baustopp ein, möchte das Volk nicht länger warten lassen. Auch die neuen Titus-Thermen nebenan werden eröffnet. Tissaphernes, Bauleiter bei Lucius Vestinus, und Constantius Rufus haben die Planung übernommen. Zunächst ist gedacht an eine Umgestaltung der alten Thermen von Neros Goldenem Haus – dann wird doch etwas ganz Neues daraus. Rufus ist für die Wassertechnik verantwortlich. Er hat intensiv über eine Klimaanlage nachgedacht. Der Autor sagt hierzu: Nichts ist bekannt, ob die Titus-Thermen wirklich so ausgerüstet waren – aber die technischen Möglichkeiten  waren bekannt: 1. Drehsprenger auf dem Dach, 2. Ventilatoren im Inneren, und 3. Luftaustausch mittels Ansaugung von Abluft durch Injektoren und Zufuhr von wassergekühlter Frischluft. Antrieb für alle Wasserstränge ist ein unterschlächtiges Wasserrad. Der Autor ist sicher: es hätte funktioniert. Constantius Rufus gewinnt die Sympathie des Kaisers Titus durch eine Innovation: zwei separate Räume, wohin sich der Imperator zurückziehen kann, wenn er des Pöbels müde ist. Es sind die beiden Brunnenzimmer, eines zum Arbeiten, das andere für die Muße. In beiden plätschern Wasserspiele an der Wand. Man verspricht sich davon eine beruhigende, wie auch anregende Wirkung auf die Seele. Der dankbare Titus schenkt Rufus ein Landgut, das er sich aussuchen darf. Er wählt Pampinium, südlich von Rom.

Nach dem frühen Tod von Titus folgt, unangefochten, der um zwölf Jahre jüngere Bruder Domitian als Imperator. Er ist ein kompetenter, maßvoller Regent, der politisch und nicht nur römisch denkt. Ihm ist daran gelegen, den Bestand des Reiches zu sichern, vor allem die überaus lange Grenze entlang der  Donau von Rätien im Westen bis Dakien im Osten. Er kümmert sich um effiziente Verwaltung, das Bildungswesen (Bibliothek!), führt neue, unterhaltsame Wettkampfspiele ein.  Er setzt in Rom die rege Bautätigkeit fort, die in dem prächtigen Kaiserpalast auf dem östlichen Palatin gipfelt. Das Volk ist mit seinem Kaiser zufrieden – der Senat nicht. Der Autor erarbeitet ein minutiöses Psychogramm der Persönlichkeit Domitians und läßt Constantius Rufus hierüber zu Wort kommen: In Begegnungen und Dialogen mit dem Kaiser, seinen Reflexionen über sein Verhältnis zu dem Imperator, und die bange Frage, die immer im Raum hängt: erinnert sich Domitian an die Nacht, in der er mit Hilfe eines Rothaarigen vom Kapitol floh? Längst ist die Geschichte umgeschrieben: Der jüngere Kaisersohn war kein Flüchtling, sondern ein Held, der mit der Waffe in der Hand für die Sache der Flavier vor dem brennenden Jupiter-Tempel focht. Nur der Rothaarige, jetzt ein bekannter Bauingenieur, kennt die Wahrheit. Bei der Beseitigung unliebsamer Personen ist Domitian nicht zimperlich.

Domitian schleppt eine schwere Hypothek mit sich: Er war ein ungeliebtes Kind im Schatten seines älteren Bruders. Seine Aktionen richten sich danach, es Titus, dem Feldherrn und Sieger von Jerusalem, gleich zu tun. Er reist einige Male an die nördliche Reichsgrenze, indessen zu heroischen Schlachten gibt es kaum Gelegenheit. Von seinem Vater Vespasian hat er den schwelenden Konflikt mit der republikanischen Fraktion im Senat geerbt. Gegen den Starrsinn der opferbereiten Stoiker kommt er nicht an. Mit den Jahren werden Mißtrauen und Haß bei Domitian zur Paranoia. Er schlägt nun erbarmungslos um sich, es kommt zu den berüchtigten Schauprozessen, die 93 ihren Höhepunkt erreichen. Constantius Rufus fragt sich, wo sein Platz in diesem tödlichen Brettspiel sei? Nirgendwo. Mit dieser  Gedsellschaftsschicht hat er nichts zu tun. Für Domitian ist er ein ganz persönlicher Fall. Einmal läßt ihm dieser eine unverhohlene Warnung zukommen: Mund halten. Er sagt nicht, wie er das meint. Inwieweit ist der Kaiser berechenbar? Er läßt Rufus zu sich kommen, um mit ihm zu plaudern. Häufiger ist er in mieser Laune. Das Moment der Einschüchterung hängt immer im Raum.
Rufus‘ Verhältnis zu Domitian ist gespalten: Einerseits kreatürliche Furcht um sein Leben, andererseits, wie zur Beschwichtigung, eine Art von Zuneigung. Es wäre anmaßend, und Rufus wagt es nicht einmal im Stillen zu denken, von einem Imperator auch nur eine Spur von Sympathie zu erwarten. Er vermeidet auch den geringsten Anlaß, den Kaiser zu erzürnen. Er achtet, ob sich auf dessen Gesicht eine verräterische Röte zeigt. Das unheilvolle Signal! Domitian reagiert empfindlich und grausam, wenn er sich als Majestät nicht ernst genommen fühlt.  Er ist voller Heimtücke und macht kein Hehl daraus, spielt sie zynisch aus. So ergeht es einem ungetreuen Kassenwart: Der Kaiser fordert ihn auf, sich neben ihn auf die Bettkante zu setzen, um ein wenig zu plaudern. Dann schickt er ihn weg, begleitet von einem Sklaven mit Leckerbissen aus der Palastküche. Am nächsten Morgen wird der Kassenwart von Schergen abgeholt und in der Arena gekreuzigt. Domitian schreckt nicht davor zurück, die – vermutlich – unschuldige Vestalin Cornelia hinzurichten. Er hat einen Scheinprozeß wegen Verletzung des Keuschheitsgebots gegen die Frau inszeniert.   Er spielt sich als Sittenrichter auf. Er hat es nötig: die von ihm geschwängerte Nicht Iulia war an einer Abtreibung gestorben. Rufus hat sich mit Martialis unter die Schaulustigen gemischt. Für die meisten Anwesenden, vor allem Sklaven in ihren grauen Tuniken, ist es ein Schauspiel. Viele Anwesende auf dem Camus Sceleratus scheinen betroffen, zeigen eine ernste Miene, Tränen rinnen, einige Frauen schluchzen ohne Unterlaß. Sie sind gekommen, um sich von der Cornelia zu verabschieden, um  dem Opfer die Treue zu halten – es ist auch eine Demonstration gegen den Tyrannen auf dem Kaiserthron. Cornelia steigt in ein unterirdisches Gelaß und wird von Priestern rituell eingemauert. Die letzte barbarische Tötung dieser Art liegt zweihundert Jahre zurück.

(09) Zeitgeist und kulturelle Schnittpunkte. Das erste Jahrhundert des imperialen Rom ist eine bewegte Zeit, die sich unter den Flaviern konsolidiert. Die konservative Fraktion im Senat hält an den Idealen der alten Republik fest.  Es ist eine Illusion, jenes angeblich Goldene Zeitalter, das sich selbst entmachtet hat. Inzwischen  hat sich mit Vespasian, Titus, Domitian eine kaiserliche Dynastie etabliert. Es gibt kein Zurück mehr. Unter Domitian rollen Köpfe. Dieses erste Jahrhundert ist aber auch eine Periode, in der sich große Geister in Rom sammeln und miteinander kommunizieren wie nie zuvor  - und auch später nicht. Es hat zweifellos damit zu tun, daß das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreicht, Verkehr und Handel enorm zunehmen, die Kolonien mündig werden und ihre Menschen nach Rom schicken – etliche Namen kommen aus Spanien, Nordafrika, Kleinasien, Hellas, Syrien. Rom, zu Zeiten Caesars und Ciceros geistig noch eher von provinziellem Zuschnitt, wird, mit einer Million Einwohner, zur größten Stadt des Erdkreises – vor Alexandria und Antiochia. Unser Autor sagt: ich hätte für meinen Protagonisten Constantius Rufus niemals eine andere Zeit gewählt. An den Grenzen geht es vergleichsweise friedlich zu, im Innern des Molochs Rom rumort es jedoch. Rufus, kommt in dem ständigen Lärm und dem dichten Gedränge in den Gassen nicht zur Ruhe. Auch setzt er sich tödlichen Bedrohungen aus, als er als Bauingenieur auf die Einhaltung der Bauvorschriften drängt. Gelegentlich zieht er sich auf sein Landgut Pampinium zurück. Auch hier kann er nicht ohne Sorgen leben: Die Nächte auf dem Lande gehören den Banden, die aus den weglosen Wäldern hervorbrechen, die Landgüter  überfallen und abfackeln – es sei denn, man zahlt Schutzgeld. Rom ist weit.

Das offizielle Rom ist nach wie vor auf seine Rolle als Militärstaat fixiert – mit erstaunlichen Leistungen in der Logistik,  im Straßen- und Wasserbau, in der Kartographierung seines Riesenreichs. Sein Anteil am Geistesleben der Hauptstadt bleibt bescheiden. Man vermißt große Schulen wie in Alexandria oder Athen. Einzig die Anwälte – glaubt man Plinius d. J. – brillieren mit ihren stundenlangen Gerichtsreden in der Basilica Iulia. Kaiser Domitian sorgt dafür, daß Bücher nach Rom gelangen – meistens aus Alexandria. Charmides, der Schöngeist aus Alexandria, vertritt die Reederei Thotmes in Rom, die mit ihren Großseglern Getreide nach Italien bringt und gelegentlich Marmor als Rückfracht nimmt.  Charmides ist mit Constantius Rufus befreundet, bringt ihm Bildung und feine Manieren bei, führt ihn in den Kreis seiner Landsleute im Alexandrinerhaus ein. Der alexandrinische Hellenismus ist dem bäuerisch-militanten Geist Roms bei weitem überlegen – meint Charmides, der am Hof Vespasians verkehrt. Vespasian, als er noch in Alexandria weilte, wurde von dem hochnäsigen Straßenvolk als Pökelfisch oder Maultiertreiber verspottet – was den dickfelligen Feldherrn nicht im mindesten störte. Er zog nur die Steuerschraube an.

Plutarchos aus dem griechischen Chaironeia ist mehrmals nach Rom gereist, offiziell von seiner Kommune abgesandt, und vom Kaiserhaus stets freundlich empfangen worden. Auch Constantius Rufus freundet sich mit ihm an, besucht ihn in späteren Jahren in Chaironeia. Die ansässigen Griechen haben in Rom nicht das beste Renommee: sie gelten als arrogant, verdienen ihr Geld vorwiegend als Pädagogen und Ärzte. Plutarch möchte Versöhnung zwischen den zwei großen Völkern erreichen – jedoch auf Augenhöhe. Das alte Hellas ist untergegangen, da macht er sich nichts vor. Heute ist es die römische Provinz Achaia – trotzdem, die hohe Wertschätzung, die Griechenland in Rom genießt spricht nicht für einen Verlierer. Plutarchos verfaßt das Buch der Biographien, in dem er jeweils eine griechische und eine römische Gestalt aus der Geschichte gegenüberstellt.

Josephus Flavius, ein Schützling des Kaiserhauses, hat gleiches im Sinn: eine Versöhnung des Judentums mit Rom. Er hat auf Seiten der Römer die Belagerung und Eroberung Jerusalems miterlebt. Später verfaßt er – offiziell vom Kaiserhaus beauftragt – die Geschichte des Jüdischen Krieges. Er  schreibt zu-rückhaltend, so  ist seine Stimmungslage aus den Literaturzeugnissen schwer einzuschätzen. Rufus beschreibt ihn als  melancholisch, ja entmutigt – auch ängstlich ob der Morddrohungen der jüdischen Gemeinde in Rom. Diese verfolgt ihn mit Haß, will von einer Versöhnung mit Rom  nichts wissen. Was sind wir für ein zerrissenes Volk, grübelt Josephus. Wir hassen uns selbst. Und wir sollen ein, auser-wähltes Volk sein? Details der Geschichte des Jüdischen Krieges erfuhr Rufus von einem Veteran, der in Avarix‘ Kneipe EDPONA verkehrte. Dieser riet ihm, Josephus Flavius aufzusuchen.

(10) Spurenlese. Bei intensivem Quellenstudium könne man immer noch auf interessante Fährten stoßen und so zu neuen Einsichten gelangen. Wenn etwas als gesichert gilt, dann vielleicht nur deshalb, weil aus Bequemlichkeit Geschichtsschreiber voneinander abgeschrieben haben. Manche evidenten Zusammenhänge werden auch schlicht übersehen. Der Autor führt ein paar Beispiele aus seinen eigenen Recherchen an.
a) Von Sextus Iulius Frontinus wird vermutet, daß er mit Domitian 84 an den Chattenkriegen teilnahm. Die angewandte Taktik trägt seine Handschrift: Breite Schneisen in die Wälder zu schlagen, um  sich gegen Hinterhalte des Feindes zu sichern. Dann heißt es, man wisse nichts von seiner Tätigkeit zwischen 85 und 97, als er von Kaiser Nerva zum Wasserdirektor ernannt wurde. Es kann nicht stimmen, daß das Werk De Aquis erst 97 verfaßt und herausgegeben wurde. Es spricht dafür, daß sich Frontinus, der ja ein reger Geist war, in der fraglichen Zeit bereits intensiv der Wasserwirtschaft und dem Kampf gegen die Wassermafia gewidmet hatte. Einmal bemerkt er, er habe geholfen, daß Geld in Domitians Schatulle gelangte. Er hat also durchaus für den Kaiser gearbeitet. Mit Sicherheit besaß er eine eigene Firma, es wurde nämlich ein Bleirohr gefunden mit seinem aufgestempelten (abgekürzten) Namen.
b) Daß Josephus Flavius nach einem verlorenen Scharmützel gegen das römische Heer von der Hinrichtung verschont wurde, sei seiner Prophezeiung zu verdanken, Vespasian würde die Kaiserwürde erlangen. Das war die offizielle Version. In Wirklichkeit gab es alte Verbindungen zwischen Josephus und den Römern. Josephus war bereits 64 in Rom, um die Freisetzung einiger inhaftierter Rabbiner mit Nero auszuhandeln. Als Rom brannte, war es womöglich er, der den Verdacht auf die christliche Gemeinde lenkte, um seine Rabbiner zu retten. Es ist nicht auszuschließen, daß er Saulus-Paulus kannte  -  ihn aber kaum schätzte. Da er zur jüdischen Prominenz zählte, ist es wahrscheinlich, daß Josephus auch zu Herodes Antipater und Berenike, der Freundin von Titus, eine Beziehung unterhielt. In jedem Fall war ein lebender Josephus für die Flavier von größerem Nutzen als ein hingerichteter.
c) Der Apostel Paulus hatte wohl vor, in Spanien zu missionieren. Die Apostelgeschichte berichtet nichts darüber, ob er seinen Plan verwirklichte. Es wäre logisch gewesen. In Rom, mit seiner etablierten christlichen Kolonie, hätte Paulus wenig zu tun. Vermutlich gab es Eifersüchteleien zwischen Heidenchristen und Judenchristen – letztere Parteigänger des ersten Bischofs (Papstes?) Petrus: Kein Zweifel, der war persönlich von Christus eingesetzt worden, daran konnte ein Paulus nichts umdeuten. Rom war ein heißes Pflaster, wie die Denunziationen bei der zweiten Neronischen Verfolgung zeigen. Spanien bot sich für eine Missionierung an, da Paulus guten Beziehungen zur Familie des Seneca hatte. Wie überliefert ist, kannte er den Bruder des Philosophen, der als Gouverneur in der Provinz Achaia residierte.
So hatte er sicher auch dem Philosophen in Rom, ehemals Erzieher von Nero und Chef der Verwaltung, einen Besuch abgestattet – die Familie Senecas stammte aus Spanien, und die Kontakte konnten für Paulus nützlich sein. Es spricht also einiges dafür, daß er eine Zeitlang in Spanien wirkte. Ob er tatsächlich später in Rom hingerichtet wurde, ist nicht erwiesen – und wenn doch, könnte sein Tod einen politischen Hintergrund haben wegen seiner Kontakte zu dem in Ungnade gefallenen Seneca.
d) Als Plinius d. J. bei einem Gastmahl den Ausbruch des Vesuvs 79 und die Aktionen seines Onkels, des Admirals der Misenischen Flotte, beschreibt, melden sich kritische Stimmen. Sie lassen sich aus den beiden hinterlassenen Briefen des Neffen zu diesem Ereignis leicht nachvollziehen:
Eine gewisse Rectina meldet sich über einen Boten bei dem Admiral, mit dem sie offenbar eine – wie auch immer geartete – Freundschaft verbindet, er möge mit einem Schiff kommen und sie evakuieren. Eine lebensrettende Flucht auf dem Landweg wäre gewiß noch möglich gewesen – aber ohne Rectinas Hausrat. Plinius d. Ä.  löst das Probleme, indem seine Triere zu einer allgemeinen Rettungsaktion mobilisiert. Diese mißlingt, da ungünstige Winde die Annäherung an die Küste nicht ratsam erscheinen lassen. Außerdem muß man mit Untiefen rechnen wegen des vulkanischen Auswurfs. In der von Staub und Giftgasen geschwängerten Atmosphäre kann die Rudermannschaft nicht mehr eingesetzt werden. Herculaneum ist bereits in einer Schlammlawine, Pompeiji in Asche und Lapilli begraben.
Der Admiral, offenbar entmutigt, möchte wenigstens seinen Freund Pomponius retten. Stabiae, wo dieser wohnte, war noch gut mit Rückenwind zu erreichen. Aber dann liegt das Schiff auch in diesem Hafen fest. Plinius versucht die aufgeregte Familie zu beruhigen. Die lodernden Feuer in der Ferne seien Bauernhöfe, die sich an offenen Herdfeuern entzündet hätten… Der Admiral denkt nicht an Flucht, läßt sich ins Bad tragen, speist mit Appetit, schläft erschöpft ein, seine Atemzüge kommen stoßweise, er ist schwergewichtig und am Herz leidend. Beruhigung statt Rettung? Constantius Rufus kommt zu dem Schluß, Plinius ist nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Vermutlich hat er einen leichten Schlaganfall erlitten. Die Familie des Pomponius, unschlüssig, was zu nun sei, schläft nicht. Sie entscheiden sich zur Flucht, der Geruch nach Schwefel wird unerträglich. Draußen ist finstere Nacht, obwohl schon Morgen. Der Admiral wird geweckt, man trägt ihn zum Strand, aber eine Flucht zu Schiff scheint unmöglich. Plinus wird schlecht, er muß sich hinlegen, er verlangt nach Wasser, rappelt sich noch einmal hoch, klappt zusammen und ist tot. Ausdrücklich vermerkt sein Neffe: Die Familie des Pomponius erzählte, der Onkel glich nicht einem Toten, sondern einem Schlafenden. Rufus sagt: Er starb an einem Herzschlag, ganz ohne Todeskampf, es könne keine Rede davon sein, der Admiral sei qualvoll in den vulka-nischen Dämpfen erstickt. Abgesehen davon: auch  seine Sklaven und die Familie des Pomponius überlebten schließlich.

(11) Fremder in Rom. Man sollte schon wissen, daß der Kaiser den gallischen Kampfstil dem thrakischen vorzieht – ja letzteren haßt. Mochten die Götter wissen, warum! Ein vorwitziger Besucher findet das lustig, schwatzt dummes Zeug, wird denunziert und ohne Umstände den Bluthunden vorgeworfen. Constantius Rufus berichtet die Episode vom Hörensagen, wahr oder nicht: sie könnte wahr sein. Mit Domitian wußte man nie, wie man dran war. Rufus meidet nach Möglichkeit das Amphitheater. Der Zweifel quält ihn dennoch: Er will mit jeder Faser ein guter Römer sein – warum folgt er nicht dem schaulustigen Volk, wenn es auf die Tribünen strömt? Es gibt kritische Stimmen, aber man hört sie selten. An der Gladiatorenschule von Pompeiji findet sich ein von Hand gekritzelter Satz: Annaeus Seneca ist der einzige Philosoph, der die blutigen Kampfspiele verurteilt. Das war richtig: Seneca fand es würdelos, Menschen aus Schaulust zum Töten abzurichten. Ciceros Haltung war ambivalent. Undenkbar, dem Schöngeist hätten die von einem grölenden Pöbel beklatschten Kämpfe auf Leben undTod zugesagt.  Sein Leben lang litt er unter einer diffusen Angst vor Schmerz. Er wunderte sich daher über die augenscheinliche Empfindungslosigkeit des Gladiators gegen Pein. Plinius findet jede Art von Spielen geisttötend langweilig, ob den Kampfsport in der Arena oder die Wagenrennen im Circus Maximus.

Constantius Rufus vermißt etwas anderes – das er bei seinen christlichen Freunden wahrgenommen hat: Mitgefühl. Häufig hört man bei ihnen das Wort misericordia, das dem gewöhnlichen Römer selten in den Sinn kommt. Es ist eine schlichte Menschlichkeit, die sie auch ihren Sklaven nicht vorenthalten. Deren minderer Rechtsstatus hat nichts mit Moral zu tun. Sie werden gut behandelt, man achtet ihre Würde, entläßt sie nach angemessener Zeit in die Freiheit. Constantius Rufus ist eigentlich ein vorbildlicher Römer: Was plagt er sich ab mit dieser ruhelosen, chaotischen, dröhnenden Stadt. Das Thema seiner innersten Befremdung bringt er nur vorsichtig ins Gespräch, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist – Plinius, Frontinus, Tacitus, die der gehobenen Schicht angehören. Sie begreifen nicht: ob er Milde meine – clementia? So wie sie Vespasian praktiziert habe. Oder die Fürsorglichkeit eines Titus: Rom läßt seine Armen nicht hungern. Fremde Götter werden geduldet,  jedermann darf zu seinen Göttern beten. Und niemandem wird das römische Recht verweigert – mögen auch die Institutionen ihre Schwächen haben. Rufus kommt sich ertappt vor. Einer trifft zufällig mal ins Schwarze, als er sagt: Warum sind wir ein Weltreich geworden -  nicht aber die Griechen, die Phönizier, die Gallier? Wir waren stark. Hätten wir Schwäche gezeigt, Uneinigkeit, Eigennutz – wir wären heute noch ein latinisches Bauerndorf unter der Fuchtel der Etrusker. Und gewiß ist auch: Wir sind fromm, haben die Götter auf unserer Seite. Rufus sieht das ein, zieht Vergleiche mit dem Gott der Juden und der Christen. Der hält nichts von der misericordia seiner Anbeter:  ein entrücktes, blutleeres Wesen, das niemandem eine Freude gönnt, das stets gleich zürnt, beleidigt und rachsüchtig reagiert. Priscilla hat nicht daran gearbeitet, Rufus umzustimmen. Wollte sie ihm ihren düsteren Glauben ersparen? War es ein Beweis ihrer Liebe?

Die Jahre ziehen an Constantius Rufus vorüber. Er gründet mit Tissaphernes eine eigene Firma, arbeitet nebenher noch für Frontinus. Vom Kaiser bekommt er den Auftrag, die Gladiatorenkaserne am Flavischen Theater zu bauen. Er selbst zieht in eine geräumige Wohnung unter dem Westhang des Kapitols. Um sein Landgut Pampinium gegen Überfälle zu sichern, schließt er mit dem Bandenchef Nachor einen Vertrag. Die Reise mit Priscilla nach Brundisium ist für Rufus eine harte Prüfung. Er akzipiert sie im Stillen als eine Strafe für seine Untreue. Er lag mit der jungen Myra aus Hippo auf einem Lager im Alexandriner-Haus. Myra hatte sich bei ihm ausgeweint: Ihr Vater, der Gouverneur der Provinz Africa, war bei Kaiser Domitian in Ungnade gefallen. Plötzlich stand Prisicilla unter der Tür. An der Mole in Brundisium, wo der Segler nach Dyrrhachium dümpelt,  trennen sie sich ohne ein Wort, ohne einen Blick des Abschieds.

Constantius Rufus beschäftigt immer drängender die Frage: Wer war ich einmal? Am Isis-Tempel auf dem Marsfeld hat die Wahrsagerin Porphyria ihr Etablissement. Rufus verkehrt dort öfters. Der Mysterienkult von Isis und Osiris zieht ihn an. Eines Tages läßt ihm Porphyria über eine hübsche Flötenspielerin eine rätselhafte Warnung zukommen: Er sei in tödlicher Gefahr und soll sich bei ihr melden. Rufus weiß, die Schergen des Immobilienmaklers Berytos sind hinter ihm her, das Netz zieht sich enger. ER schlüpft bei Porphyria unter, bittet um einen Pilzabsud für eine Geisterreise. Vielleicht läßt sich die ver-schüttete Erinnerung wecken, und er findet den Weg in seine Heimat. Es wird ein skurriler Ausflug in eine Traumwelt der Vergangenheit. Als Rufus erwacht, mahnt ihn Porphyria zur Eile: Ihr Haus werde von Banditen umlagert, sie fürchte, sie werden die Tür sprengen. Durch einen geheimen Tunnel entkommt Rufus. Die Leiche der Porphyria, angekettet an ihren Diener Stephanus, findet man anderntags im Tiber an einem Brückenpfeiler. Constantius Rufus reist zur Kur nach Epidauros in Attika, besucht unterwegs seinen Freund Plutarchos in Chaironeia, und als er endlich wieder in Rom eintrifft, erfährt er vom Tode seines Patrons Fabius Pulcher. Seine Frau Lucilla, schwer erkrankt, hatte sich vorher das Leben genommen. Constantius Rufus regelt seinen Nachlaß, bricht nach Raetien auf.

(12) Tod in der Via Mala-Schlucht. Das Schicksal ereilt Constantius Rufus in den Bergen, fern von Rom. Er befehligt eine Truppe von Agrimensoren, die die Strecke von Clavenna über den Specula-Paß bis zur Via Mala-Schlucht kartographieren. Gleichzeitig arbeitet ein  Pioniertrupp an einer Verbreiterung des Weges und an sicheren Übergängen an der Via Mala-Schlucht. Rufus hat viel freie Zeit in dem römischen Gasthof Cunus Aureus, und so beschließt er, sein Leben in Rom zur Zeit der Flavischen Kaiser aufzuzeichnen. Er diktiert seinem Sekretär Kleon, der die Kurzschrift beherrscht. Für persönliche Bedürfnisse ist der Diener Lichas zuständig. Zu ihm faßt  Constantius Rufus, anders als zu Kleon,  kein Vertrauen. Als eines Tages fünf Blätter geheimer Dokumente verschwinden, gerät Lichas in Verdacht. Den Verkehr zwischen Clavenna und Curia über den Specula-Paß unterhalten Säumer mit ihren Maultiergespannen sowie Träger für kürzere Wege mit geringeren Lasten. Der Mann, der alle Fäden in der Hand hält, ist Camox, der König der Säumer. Seine Familie hat den internen Bandenkriegen ein Ende gesetzt und die Säumer zu Preisdisziplin verpflichtet. Die Oberherrschaft Roms wird anerkannt, solange sich das Reich nicht in interne Angelegenheiten der Säumer einmischt. Die Grenze zwischen Italien und der Provinz Raetia – mit der Hauptstadt Campodunum (Kempten) – verläuft etwas südlich des Specula-Passes. Dort amtiert eine römische Zollstation. Die Erhebung von Zollgebühren zwischen dem Kernreich und seinen Provinzen ist üblich. Einen Minimalbetrag kassiert die Staatskasse, was tatsächlich bezahlt werden muß,  ist das Ergebnis eines Pokers mit den Händlern. In jedem Fall erhalten die Säumer einen Anteil.

Im Weltbild von Camox und der Säumer sollte sich an dem fein austarierten Gleichgewicht nichts ändern. Die Arbeiten der Agrimensoren werden ohne Arg geduldet. Es ist bekannt, in dem riesigen Römerreich wird immer irgendwo vermessen. Die Parzellen sind die Basis der Besteuerung, aber auch der Straßenbau ist auf kartographische Daten angewiesen. Der Wind dreht sich, als mit dem Verschwinden der Dokumente aus Rufus‘ Büro das Projekt eines Karrenwegs publik wird. Mit im Spiel ist ein gebildeter Händler, der Camox die Dokumente erklärt. Vermutlich ist auch die römische Zollstation im Bilde. Es ist bekannt, daß selbst der Gouverneur im fernen Cambodunum gegen das Projekt des Karrenwegs intrigiert. Camox stellt Constantius Rufus zur Rede. Der erklärt ihm unumwunden: Mit Saumtieren allein ist die Zunahme des Fernhandels nicht zu bewältigen. Camox sieht das zwar ein, fürchtet jedoch, daß bei dem römischen Projekt des Karrenwegs nur Rom kassieren wird, und die Säumer das Nachsehen hätten. Rufus begreift die Patt-Situation: Selbst wenn Camox Verständnis zeigte, müßte er für das Projekt erst seine Säumer gewinnen. Das scheint aussichtslos. Will Camox König der Säumer bleiben, muß er den Karrenweg verhindern. Das heißt Mitwisser beseitigen, die Dokumente abfangen.
Der Orte der Hinrichtungen sind die Schluchten am Hinterrhein: Ein Bote aus Rom, im Verdacht, er bringe kartographischen Unterlagen zum Gouverneur von Raetien, wird in die Via Mala-Schlucht gestoßen. Der Händler, der die Dokumente erklärt hat, findet den Tod. Dann reitet Camox mit Constantius Rufus an die Rufela-Schlucht, deutet auf einen Felsvorsprung: da liegt Lichas, starrt mit offenen, wie erstaunten Augen in den Himmel. Das ist noch nicht das Ende, meint Camox anzüglich. Korrekt reicht er Rufus einen Beutel mit Münzen: Bezahlung für den getöteten Lichas – eine Ware, wie jede andere.
Constantius Rufus weiß, seine Tage sind gezählt. Den Zweikampf mit Camox kann er nicht gewinnen. Es gelingt ihm, seinen Sekretär Kleon mit den originalen Dokumenten und seinem Lebensbericht  über die Paßstraße nach Clavenna auf den Weg nach Rom zu schicken. Vorher wird er formlos freigelassen. Da erscheint ein reitender Bote mit Nachrichten aus Rom. Die Strecke hat er in einer Woche geschafft. Kaiser Nerva stellt es Constantius Rufus frei, erklärt der Bote, sofort nach Rom zurückzukehren oder nach Mogontiacum zu reisen die Dokumente  dem Gouverneur Traianus auszuhändigen. Rufus ist völlig verdattert: Was heißt da Kaiser Nerva. Nun, Domitian ist ermordet worden, von seinem Personal im Palast. Der Senat hat bereits die Damnatio Memoriae verhängt. Seine Bildnisse werden gestürzt, sein Name aus den Inschriften herausgemeißelt. Das hat es bisher nur unter Caligula und Nero gegeben.

Rufus hält daran fest: Mogontiacum ist sein Ziel. Ein fiktiver Beobachter berichtet über seine letzten Stunden. Im Rasthof Lapidaria hat er noch übernachtet, dann führt er sein Pferd, das sich erst sträubt, über die wackelige Brücke, die den Rhein überquert. Sie knarrt verdächtig. Aus unerfindlichen Gründen führt der Fluß Hochwasser. Es beginnt zu schneien. Durch die von den Pionieren ausgehauenen Halbgalerien erreicht Rufus die Nordbrücke: sie ist verschwunden, ins Wasser gestürzt, sie blockiert die Strömung, daher das Hochwasser. In der Flut tauchen schäumend und wirbelnd Holzplanken auf: auch die Südbrücke ist zerstört.  In beide Brücken waren Kerben geschlagen. Plötzlich bricht das Pferd zusammen, in seinem Hals zittern drei Pfeile. Die Säumer haben die Höhen besetzt.  Sie werden nicht auf ihn zielen. Sonst hätten sie sich nicht die Mühe gemacht, die Brücken zu zerstören. Man überläßt ihm der Natur. Er muß sich entscheiden zwischen Ertrinken und Erfrieren. Er kriecht zu einer Felsplatte hoch, die vom Wasser nicht erreicht wird , hüllt sich in seinen Mantel. Falls er in seinen letzten Stunden über Marcus Tullius Cicero nachdenkt: ist Rufus‘ Tod nicht angenehmer, wenn auch weniger römisch? 

 

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